Was wir wissen und was nicht

Auf diesen Seiten steht an einigen Stellen: Das wissen wir nicht sicher. Das ist keine Schwäche der Texte, sondern eine Eigenschaft des Themas. Diese Seite erklärt, woher die Lücken kommen, was sie bedeuten und was sie ausdrücklich nicht bedeuten.

Vorweg der Kern in einem Satz: Aus einer Lücke in der Forschung folgt Unsicherheit, nicht Beliebigkeit.

Zwei Sackgassen

Beim Umgang mit medizinischem Wissen gibt es zwei Wege, die beide in die Irre führen.

Der erste Weg lässt nur gelten, was in großen Studien geprüft wurde. Alles andere wird abgetan. Das klingt streng und wissenschaftlich, führt aber dazu, dass wirksame Dinge übersehen werden, nur weil sie sich schlecht untersuchen lassen. Bewegung, Schlaf und der Umgang mit Belastung gehören genau in diese Kategorie.

Der zweite Weg zieht aus den Lücken der Forschung den Schluss, dass dann eben alles gleich viel wert sei. Wenn die Wissenschaft ohnehin nicht alles weiß, könne man auch gleich das Nächstbeste probieren. Dieser Gedanke steht am Anfang fast jedes Heilsversprechens.

Beide Wege sind falsch. Der zweite ist der gefährlichere, weil er Menschen Geld, Zeit und Hoffnung kostet.

Wozu Forschung überhaupt taugt

Wissenschaft ist kein Orakel. Sie sagt nicht, was wahr ist. Sie sagt zuverlässiger, was nicht hilft, als was hilft.

Das klingt nach wenig, und es ist trotzdem unersetzlich. Der größte Gewinn der kontrollierten Studie liegt in den Behandlungen, die sie aus der Medizin entfernt hat, nicht in denen, die sie hinzugefügt hat. Ohne diesen Filter wäre die Medizin eine Sammlung von Meinungen. Wer Kritik an der Forschung übt, sollte das im Bewusstsein tun, dass es zu ihr keine bessere Alternative gibt.

Warum die Lücken gerade hier so groß sind

Bei chronischen Schmerzen ist die Forschungslage schlechter als in vielen anderen Bereichen der Medizin. Dafür gibt es vier Gründe, und keiner davon hat mit der Wirksamkeit der Behandlungen zu tun.

Gut messbar heißt gut untersucht

Studien lassen sich dort leicht durchführen, wo eine Behandlung immer gleich aussieht: eine Tablette, eine Spritze, ein Eingriff. Solche Behandlungen lassen sich vergleichen, sie lassen sich verblinden, und es gibt ein Unternehmen, das die Studie bezahlt, weil es an dem Produkt verdient.

Ein Bewegungsprogramm erfüllt keine dieser Bedingungen. Es sieht bei jedem Menschen anders aus, es verändert sich über Wochen, niemand kann es unbemerkt durch eine Scheinbehandlung ersetzen, und es gibt keinen Hersteller. Deshalb wird darüber weniger geforscht. Nicht, weil es weniger bringt.

Daraus entsteht eine Verzerrung. Die Zahl der Studien zu einer Behandlung sagt vor allem etwas darüber aus, wie leicht sie sich untersuchen und finanzieren lässt. Über ihre Wirkung sagt sie weniger.

Womit vergleichen?

Bei einem Medikament lässt sich die Wirkung gegen eine Tablette ohne Wirkstoff prüfen. Niemand merkt den Unterschied, und was übrig bleibt, ist die echte Wirkung.

Bei einer Bewegungstherapie geht das nicht. Man merkt, ob man trainiert. Es gibt keine glaubwürdige Scheinbehandlung. Also wird meist gegen die übliche Versorgung verglichen, und dagegen sieht fast alles gut aus. Zahlen aus solchen Studien lassen sich mit Zahlen aus Medikamentenstudien nicht einfach vergleichen. Die erste Frage an jede Prozentangabe lautet deshalb: verglichen womit?

Den Durchschnittspatienten gibt es nicht

Studienergebnisse sind Mittelwerte. Wenn eine Behandlung im Schnitt eine leichte Verbesserung bringt, kann das zweierlei heißen. Entweder haben alle ein wenig profitiert. Oder die eine Hälfte deutlich und die andere gar nicht.

Für Sie sind das zwei völlig verschiedene Situationen, und die Studie kann sie nicht auseinanderhalten. Deshalb ist der Schluss von der Gruppe auf den einzelnen Menschen immer ein Schluss mit Unsicherheit.

Schmerz lässt sich nicht ablesen

Es gibt kein Messgerät für Schmerz. Was gemessen wird, ist Ihre Auskunft darüber. Diese Auskunft wird von Erwartung, Stimmung, Aufmerksamkeit und vom natürlichen Verlauf beeinflusst.

Vieles bessert sich mit der Zeit von allein. Wer in der schlimmsten Phase eine Behandlung beginnt, erlebt danach fast immer eine Besserung, ganz gleich, was er getan hat. Die entscheidende Frage lautet deshalb nie, ob es besser wurde, sondern ob es mehr besser wurde als ohne die Behandlung. Und ob dieser Unterschied groß genug ist, um ihn im Alltag zu spüren. Ein statistisch messbarer Unterschied ist nicht automatisch ein spürbarer.

Was daraus nicht folgt

Hier liegt die entscheidende Grenze, und sie wird oft überschritten.

Der Satz „die Wissenschaft kann das nicht messen" ist als Feststellung häufig richtig. Als Begründung für eine bestimmte Behandlung ist er fast immer falsch. Er erklärt, warum Bewegungstherapie in den Studienübersichten schlechter dasteht, als sie verdient. Er erklärt nichts über ein Verfahren, dessen Wirkung sich grundsätzlich nicht prüfen lässt und für das es weder eine plausible Erklärung noch ein messbares Ergebnis gibt.

Ebenso gilt: Fehler der wissenschaftlichen Medizin machen ihre Alternativen nicht besser. Es gibt Publikationsdruck, Einfluss der Industrie und Studien, die sich nicht wiederholen ließen. Das ist belegt und es ist ein Problem. Es ist ein Argument für bessere Forschung, nicht gegen Forschung. Eine Behandlung wird nicht dadurch wirksam, dass eine andere sich als unwirksam erwiesen hat.

Wie sich trotzdem entscheiden lässt

Unsicherheit nimmt niemandem die Entscheidung ab. Sie sitzen heute mit Ihren Beschwerden da, nicht in zehn Jahren, wenn die Studien vorliegen.

Die Regel, die hier weiterhilft, ist einfach: Je größer das Risiko, die Kosten und die Endgültigkeit einer Maßnahme, desto besser muss sie belegt sein.

Eine Kniebeuge braucht keinen Beweis. Sie kostet nichts, sie schadet fast nie, und wenn sie nicht hilft, hören Sie wieder auf. Hier genügt es, dass die Sache plausibel ist und sich in der Praxis bewährt hat.

Eine Operation an der Wirbelsäule ist das andere Ende. Sie ist teuer, sie birgt Risiken, und sie lässt sich nicht rückgängig machen. Hier ist die Messlatte für den Nachweis zu Recht hoch.

Dazwischen liegen die meisten Behandlungen, und dazwischen wird abgewogen. Wer diese Skala nicht anlegt, macht einen von zwei Fehlern: Er verweigert das Naheliegende, weil es keine Studie dazu gibt. Oder er empfiehlt den großen Eingriff, weil es zu ihm irgendeine Studie gibt.

Wenn etwas nur einen Versuch wert ist

Manches ist weder gesichert noch abwegig. Dann ist ein Versuch vertretbar, aber nur unter einer Bedingung: Sie legen vorher fest, woran Sie erkennen, ob es hilft, und wann Sie es wieder lassen.

Also nicht „probieren Sie es mal", sondern: acht Wochen lang, und danach schauen wir, ob Sie besser schlafen, weiter gehen können oder weniger Tabletten brauchen. Wenn sich nichts bewegt, wird es beendet und nicht verlängert.

Diese Vorabfestlegung ist der Unterschied zwischen einem begründeten Versuch und einer endlosen Reihe von Behandlungen, die alle irgendwie weiterlaufen. Sie schützt außerdem vor einer teuren Falle. Gemeint ist das Verfahren, bei dem jeder Misserfolg damit erklärt wird, man habe es noch nicht lange genug gemacht.

Was Sie auf diesen Seiten erwarten können

Drei Arten von Aussagen, und sie werden auseinandergehalten.

Was gesichert ist, wird als gesichert benannt. Was wahrscheinlich ist, wird als wahrscheinlich benannt. Was offen ist, wird als offen benannt und nicht überspielt.

Wo eine Maßnahme nur einen Versuch wert ist, steht dabei, woran der Erfolg erkennbar wäre. Das ist unbequemer als ein Versprechen. Es ist aber das Einzige, was tatsächlich weiterbringt.

Zusammenfassung

Die Forschung ist ein Filter gegen Irrtümer, kein Orakel. Bei chronischen Schmerzen sind ihre Lücken besonders groß, weil sich gerade die tragenden Maßnahmen schlecht untersuchen lassen. Daraus folgt Unsicherheit, nicht Beliebigkeit. Entschieden wird nach einer einfachen Regel: Je riskanter, teurer und endgültiger eine Maßnahme ist, desto besser muss sie belegt sein. Und wo etwas nur einen Versuch wert ist, wird vorher vereinbart, woran der Erfolg zu erkennen ist.

Wie weit die Schmerzmedizin als Fachgebiet reicht und wo sie an ihre Grenzen kommt, steht auf der Seite Was Schmerzmedizin eigentlich macht .

Hinweis: Diese Seite dient der medizinischen Orientierung und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnostik oder Behandlung.