Zentrale Sensibilisierung: wenn das Nervensystem empfindlicher wird

Eine leichte Berührung tut weh. Eine bekannte Belastung tut deutlich mehr weh als früher. Und der Schmerz lässt sich schlechter verorten als am Anfang. Für dieses Muster gibt es in der Schmerzmedizin einen Begriff: zentrale Sensibilisierung. Er beschreibt eine Veränderung in der Verarbeitung, nicht einen zusätzlichen Schaden im Gewebe.

Was der Begriff beschreibt

„Zentral" meint die zentralen Schaltstellen, also Rückenmark und Gehirn. „Sensibilisierung" meint: empfindlicher geworden.

Zwei Verschiebungen sind damit gemeint. Im Rückenmark kann die Weitergabe von einer Nervenzelle zur nächsten verstärkt werden, sodass dasselbe Signal weiter oben lauter ankommt. Und das Gehirn kann Schmerzsignale von sich aus dämpfen, über Bahnen, die nach unten ins Rückenmark führen. Diese körpereigene Dämpfung arbeitet bei länger bestehenden Schmerzen häufig schwächer. Beides kann zusammen auftreten, muss es aber nicht: Bei manchen Menschen steht das eine im Vordergrund, bei anderen das andere.

Wichtig ist, was der Begriff nicht behauptet. Er sagt nicht, dass im Gewebe nichts ist. Wer eine Entzündung hat, einen geschädigten Nerv oder eine Arthrose, hat sie weiterhin. Die verstärkte Verarbeitung kommt dann hinzu, sie ersetzt den Befund nicht. Bei manchen Betroffenen steht die Verstärkung im Vordergrund, bei anderen die fortbestehende Ursache, und häufig kommt beides zusammen.

In der Sprechstunde fällt für dieses Geschehen oft das Wort Schmerzgedächtnis. Es meint nicht genau dasselbe: Es trifft einen Teil davon und führt an zwei Stellen in die Irre. Beides ist unter Schmerzgedächtnis ausführlich eingeordnet.

Woran es sich im Alltag zeigt

Vier Beobachtungen sind typisch. Keine davon ist für sich beweisend, und niemand muss alle vier kennen.

  • Harmloses tut weh. Die Bettdecke auf der Haut, eine leichte Berührung, der Druck beim Sitzen. Fachlich heißt das Allodynie .
  • Bekanntes tut mehr weh. Dieselbe Bewegung, dieselbe Belastung, und die Reaktion fällt stärker aus als früher. Fachlich: Hyperalgesie .
  • Der Schmerz lässt sich schwerer verorten. Er sitzt in größeren Bereichen und folgt nicht mehr einer einzelnen Struktur.
  • Auch andere Reize werden zu viel. Licht erscheint zu hell, Geräusche zu laut, Gerüche zu intensiv, Konzentration fällt schwerer.

Auch akute Beschwerden können einzelne dieser Zeichen zeigen. Aufschlussreich ist eher die Kombination, zusammen mit der Dauer und damit, dass ein Befund allein die Beschwerden nicht hinreichend erklärt. Ein Beweis ist auch das nicht, sondern ein Anlass, die Beschwerden ärztlich einordnen zu lassen.

Warum es dafür keinen Test gibt

Dass es diese Vorgänge gibt, ist gut belegt, im Tierversuch und beim Menschen. Was fehlt, ist ein Verfahren, das sie bei Ihnen persönlich misst.

Verfügbar sind Tests der Schmerzempfindlichkeit und Fragebögen. Beide erfassen, wie empfindlich jemand auf Reize reagiert, nicht das Geschehen im Nervensystem selbst. Wird die Sensibilisierung aus der Empfindlichkeit erschlossen und der Schmerz anschließend mit der Sensibilisierung erklärt, dreht sich die Begründung im Kreis. Fachlich gilt die zentrale Sensibilisierung deshalb als Erklärungsmodell und Arbeitshypothese: als ein Phänomen, das regelmäßig gemeinsam mit chronischem Schmerz beobachtet wird und dessen ursächliche Rolle plausibel, aber nicht bewiesen ist.

Praktisch heißt das: Zentrale Sensibilisierung ist keine Diagnose, die sich ankreuzen lässt. Die Einordnung ergibt sich daraus, wie sich der Schmerz anfühlt, wodurch er ausgelöst wird, was die körperliche Untersuchung zeigt und wie sich die Beschwerden im Verlauf entwickelt haben.

Bei welchen Beschwerdebildern sie eine Rolle spielt

Zentrale Sensibilisierung ist nicht an ein einzelnes Krankheitsbild gebunden. Besonders ausgeprägt ist die veränderte Schmerzverarbeitung bei der Fibromyalgie . Hinweise finden sich ebenso beim Reizdarmsyndrom, bei chronischem Beckenschmerz und bei chronischen Kopfschmerzen.

Eine Rolle spielen kann sie außerdem bei chronischen Rückenschmerzen, bei anhaltenden Beschwerden nach einem Schleudertrauma, beim komplexen regionalen Schmerzsyndrom, beim Phantomschmerz und dann, wenn ein Schmerz mit klarem Ausgangspunkt über die erwartbare Heilungszeit hinaus bestehen bleibt.

Und sie kann bei Erkrankungen hinzukommen, bei denen der Schmerz zunächst eine andere Ursache hat. Bei rheumatoider Arthritis oder Endometriose etwa können Beschwerden über das hinausgehen, was die entzündliche Aktivität allein erklärt. An der Notwendigkeit, die Grunderkrankung weiter zu behandeln, ändert das nichts.

In all diesen Bildern erklärt die Sensibilisierung einen Anteil der Beschwerden, nie das ganze Bild.

Was der Begriff nicht heißt

Nicht psychisch. Beschrieben wird eine biologische Veränderung im Nervensystem. Die Formulierung „das sitzt im Kopf" trennt zwei Dinge, die biologisch nicht getrennt sind. Das Nervensystem ist Körper, und Schmerz im Nervensystem ist Schmerz im Körper.

Nicht dasselbe wie zentraler Schmerz nach einer Schädigung. Es gibt einen anderen Schmerz, der ebenfalls zentral heißt: den zentralen Schmerz nach einer Schädigung von Gehirn oder Rückenmark, etwa nach einem Schlaganfall, bei Multipler Sklerose oder nach einer Rückenmarksverletzung. Dort ist das zentrale Nervensystem selbst verletzt. Sensibilisierung setzt eine solche Verletzung nicht voraus, kann aber zusätzlich dazukommen.

Nicht endgültig. Nervensysteme sind veränderbar, und was empfindlicher geworden ist, kann wieder weniger empfindlich werden. Wie weit das im Einzelfall geht und wie lange es dauert, lässt sich vorher nicht verlässlich sagen. Veränderungen verlaufen dabei selten geradlinig.

Was daraus für die Behandlung folgt

Behandlungen am Ort des Schmerzes stoßen an Grenzen. Wenn ein wesentlicher Teil der Beschwerden durch die veränderte Verarbeitung mitbestimmt wird, bewirken Spritzen, Eingriffe oder entzündungshemmende Medikamente oft weniger als erhofft. Sie behandeln dann einen anderen Teil des Problems. Daraus folgt ausdrücklich nicht, eine laufende Behandlung von sich aus zu beenden. Ob ein Verfahren in Ihrem Fall noch sinnvoll ist, gehört besprochen.

Aktives vor Passivem, Medikamente befristet. Was Sie selbst tun, trägt in der Regel weiter als das, was mit Ihnen gemacht wird. Massagen, Spritzen und Eingriffe können begleiten, sollten aber nicht den Schwerpunkt bilden. Für Medikamente gilt dasselbe in zeitlicher Form: befristet erproben, den Nutzen nach einer verabredeten Frist überprüfen und wieder absetzen, wenn er ausbleibt. Starke Schmerzmittel vom Opioid-Typ werden bei diesen Beschwerdebildern zurückhaltend eingesetzt.

Dosierte Bewegung statt Schonung. Dass Bewegung bei vielen chronischen Schmerzbildern hilft, ist gut belegt. Weniger klar ist, warum sie hilft. Die verbreitete Begründung, Bewegung schalte die körpereigene Schmerzbremse an, trägt nicht: Bei Schmerzfreien ist dieser Effekt klein und kurz, bei chronischem Schmerz unzuverlässig, bei Fibromyalgie fällt er häufig sogar umgekehrt aus. Am Nutzen der Bewegung ändert das nichts, wohl aber an der Erklärung dafür. Wie sich Belastung so dosieren lässt, dass sie verlässlich vertragen wird, steht unter Pacing und Routinen .

Mehrere Ansatzpunkte gleichzeitig. Schlaf, Anspannung, Aktivität und Erwartung beeinflussen den Umgang mit Schmerz. Deshalb kombinieren multimodale Programme mehrere Bausteine, darunter psychologische Verfahren wie kognitive Verhaltenstherapie, Entspannung und achtsamkeitsbasierte Übungen. Eine Schlafstörung, eine Depression oder eine Angsterkrankung werden dabei nicht nur mitgedacht, sondern eigenständig behandelt; das gehört zur Behandlung des Schmerzes und ist keine Verlegenheitslösung. An der Schmerzstärke gemessen fallen die Ergebnisse solcher Programme im Mittel bescheiden aus; ihr Nutzen liegt vor allem in Belastbarkeit, Selbstmanagement und Teilhabe.

Ziele, an denen sich der Erfolg ablesen lässt. Wer nur auf die Schmerzstärke schaut, übersieht regelmäßig die Veränderung, die tatsächlich stattgefunden hat. Üblich sind deshalb Ziele, die an Ihrem Alltag hängen: eine Strecke wieder gehen, eine Tätigkeit wieder aufnehmen, besser schlafen. Vollständige Schmerzfreiheit ist bei anhaltenden Schmerzen selten ein realistisches Ziel, und sie als einziges Ziel zu setzen macht jeden Fortschritt unsichtbar.

Die Erklärung selbst. Aufklärung über die Schmerzbiologie verändert Überzeugungen und die Angst vor Bewegung recht zuverlässig. Auf Schmerzstärke und Verlauf wirkt sie, für sich allein genommen, wenig. Sie ersetzt keine Behandlung, kann aber die Grundlage dafür sein, dass eine Behandlung angenommen wird.

Wann Sie das ärztlich abklären lassen sollten

Diese Seite beschreibt ein Muster, keine Diagnose. Ob es auf Ihre Beschwerden zutrifft, lässt sich über eine Webseite nicht klären. Neue oder sich verändernde Beschwerden gehören ärztlich untersucht. Dringlich wird es vor allem bei plötzlichem Kraft- oder Gefühlsverlust, bei neuen Störungen von Blase oder Mastdarm und bei Fieber mit schwerem Krankheitsgefühl. Die vollständige Übersicht steht unter Warnzeichen .

Eine erhöhte Empfindlichkeit des Nervensystems erklärt vieles, aber sie erklärt nicht alles. Sie schließt insbesondere nicht aus, dass zusätzlich eine behandelbare Ursache vorliegt.

Zusammenfassung

Zentrale Sensibilisierung ist die Annahme, dass das Nervensystem Schmerzsignale stärker weitergibt als zuvor und sie bei einem Teil der Betroffenen zugleich schwächer dämpft. Im Alltag zeigt sich das daran, dass harmlose Reize schmerzen, bekannte Belastungen stärker wehtun und der Schmerz sich schwerer verorten lässt. Ein Test dafür existiert nicht; die Einordnung stützt sich auf Muster, Untersuchung und Verlauf und bleibt damit eine begründete Vermutung. Der wichtigste Satz lautet: Das System reagiert empfindlicher. Das heißt weder, dass Sie sich etwas einbilden, noch dass im Gewebe nichts wäre.

Weiterführend: Schmerzgedächtnis , Chronische Schmerzen verstehen und Schmerzmodelle .

Hinweis: Diese Seite dient der medizinischen Orientierung und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnostik oder Behandlung.