Sehnen, Faszien und Bindegewebe: was Training verändert

Rund um Sehnen, Faszien und Bindegewebe kursieren viele Versprechen: dass Gewebe erst heilen müsse, dass eine Rolle Verklebungen löse, dass die richtige Ernährung die Sehne aufbaue. Diese Seite ordnet die häufigsten Fragen ein und trennt das, was gut belegt ist, von dem, was man nur vermutet. Sie ist die Begleitseite zur Podcast-Folge zum selben Thema.

Die Kernbotschaft vorweg: Bindegewebe wird durch Training nicht repariert, aber belastbarer. Was dafür zählt, ist die richtige Dosis und die richtige Reihenfolge, nicht ein Wundermittel.

Wie gut ist das eigentlich belegt?

Die Datenlage ist je nach Gewebe sehr unterschiedlich. Für Sehnen ist am meisten gesichert, für Bänder und Faszien am wenigsten.

AussageWie gut belegt
Gesunde Sehnen passen sich an schwere Belastung angut belegt
Trainingsdosis (etwa 70 % der Maximalkraft, langsames Tempo)Orientierung aus gesunden Sehnen, auf die kranke Sehne nur mit Vorbehalt übertragbar
Kollagen im Sehnenkern stammt aus der Jugendbelegt (auch für Knorpel und Bandscheibe)
Bänder lassen sich gezielt fester trainierenkaum Daten am Menschen
Faszien-Training baut das Gewebe umkeine belastbaren Humandaten

Welches Kollagen hält wie lange?

Das tragende Kollagen mancher Gewebe wird nach dem Wachstum kaum noch ausgetauscht. Das erklärt, warum eine geschädigte Stelle bestehen bleibt, ist aber nur für einen Teil der Gewebe wirklich gemessen.

GewebeErneuerung des Kollagens nach der JugendDatenlage
Sehne (tragender Kern)sehr geringbelegt
Gelenkknorpelsehr geringbelegt
Bandscheibesehr geringbelegt
Bänderunbekanntkaum Daten
Faszieuneinheitlich, teils aktiverkaum Daten

Die Trainingsbegriffe im Überblick

Damit die Angaben oben nicht durcheinandergehen, hier die Begriffe, so wie sie auf dieser Seite gemeint sind.

  • Wiederholung: eine vollständige Bewegung, zum Beispiel einmal absenken und wieder anheben.
  • Satz: eine Gruppe Wiederholungen am Stück, danach eine Pause. Hier als Anhalt fünf bis zehn Wiederholungen.
  • Einheit: ein Training aus mehreren Sätzen. Als Richtwert zwei- bis dreimal pro Woche.
  • Tempo: wie schnell eine Wiederholung abläuft. Für die Sehne langsam, etwa drei Sekunden je Richtung.
  • Intensität: wie schwer. Orientierung sind etwa siebzig Prozent der Maximalkraft, also ein Gewicht, mit dem fünf bis zehn Wiederholungen schon fast das Maximum sind.
  • Frequenz: wie oft pro Woche. Zwei- bis dreimal genügt, dazwischen Erholung.
ExkursWarum die Reihenfolge wichtiger ist als das perfekte Protokoll
Eine akut gereizte, druckschmerzhafte Sehne wird nicht sofort schwer trainiert, sondern zuerst beruhigt: die auslösende Spitzenlast für eine Weile herausnehmen, eine gut verträgliche Grundbelastung darf bleiben. Erst danach wird aufgebaut. Umgekehrt, also schweres Training auf die gereizte Sehne, kann die Beschwerden verstärken. Ob Sie dabei das Absenken oder das Anheben betonen, ist zweitrangig; entscheidend ist die Höhe der Last, nicht die Richtung der Bewegung.

Faszienrolle und Faszientherapie

Die Faszienrolle gehört in dieses Themenfeld, verdient aber eine eigene Betrachtung. Kurz: Sie löst keine Verklebungen, ihr spürbarer Effekt läuft über das Nervensystem und hält Minuten, und sie ersetzt kein Krafttraining. Ausführlich, mit allen Zahlen und Studien, auf der eigenen Seite: Faszienrolle: Was sie kann und was nicht .

Häufige Fragen

Muss eine Sehne erst heilen, bevor der Schmerz weggeht?
Meist nicht. Eine verschlissene Stelle in der Sehne bildet sich oft nicht vollständig zurück und bleibt im Ultraschall sichtbar, auch wenn die Beschwerden längst weg sind. Wie das Bild aussieht, sagt wenig darüber, ob die Sehne schmerzt oder trägt. Entscheidend ist nicht die perfekte Struktur, sondern die wiedergewonnene Belastbarkeit.
Kann Training kaputtes Sehnengewebe reparieren?
Der abgestorbene Kern einer geschädigten Sehne wird durch Training nicht repariert, und das tragende Kollagen im Sehnenkern wird nach der Jugend kaum noch erneuert. Was Training verändert, ist die Belastbarkeit: Das vorhandene, gesunde Gewebe wird kräftiger, die Sehne insgesamt etwas steifer, und vor allem lernt das ganze System aus Muskel, Sehne und Nervensteuerung, mehr Last zu tragen. Deshalb können die Schmerzen verschwinden, ohne dass das Bild wieder normal wird.
Warum ist eine kranke Sehne dicker, wenn kein neues Gewebe entsteht?
Neues Gewebe entsteht durchaus, aber als Reaktion der Sehne auf den Schaden, nicht durch Training. Die erkrankte Sehne lagert rund um die geschädigte Zone zusätzliches, oft ungeordnetes Gewebe an und wird dadurch dicker. In absoluten Zahlen enthält sie am Ende sogar mehr tragendes Gewebe als eine gesunde Sehne. Der geschädigte Kern in der Mitte bleibt davon unberührt.
Wie schwer und wie langsam muss ich trainieren?
Sehnen passen sich vor allem oberhalb einer gewissen Last an, als Orientierung etwa siebzig Prozent der Maximalkraft. Praktisch heißt das: wenige Wiederholungen gegen hohen Widerstand, als Anhalt fünf bis zehn, wobei zehn schon fast das Maximum sein sollten. Das Tempo langsam, etwa drei Sekunden je Richtung. Zwei- bis dreimal pro Woche, über Monate. Diese Werte stammen aus Studien an gesunden Sehnen und sind eine Orientierung, kein fester Grenzwert.
Darf das Training wehtun?
Ein leichter Schmerz während der Übung ist in Ordnung, als Faustregel ein bis zwei Punkte auf einer Skala von zehn, und er sollte tolerabel bleiben, grob unter fünf. Nach etwa zwei Stunden sollte er wieder auf dem Ausgangsniveau sein und am nächsten Tag nicht schlimmer. Wird es mehr, war es zu viel: nicht aufhören, aber die Intensität herunternehmen. Schmerzt die Sehne schon in Ruhe deutlich, etwa ab sechs von zehn, ist sie zu gereizt für schweres Training und gehört erst beruhigt. Im Zweifel mit Ärztin oder Physiotherapeut absprechen.
Was ist mit Bändern und Gelenkkapseln?
Für Bänder und Gelenkkapseln fehlen genaue Trainingsdaten am Menschen fast völlig. Klar ist nur, dass auch sie auf Belastung und auf Schonung reagieren. Aus Tierversuchen weiß man, dass Bänder unter Ruhigstellung schnell an Festigkeit verlieren und langsam wieder aufbauen. Wer nach einer Verletzung monatelang schont, zahlt dafür länger als gedacht. Man orientiert sich pragmatisch an dem, was für Sehnen gilt.
Wie lange dauert es, bis sich etwas bessert?
Erste Verbesserungen können sich in Wochen zeigen, bis die Belastbarkeit stabil zurück ist, vergehen aber oft drei Monate oder länger. Ein Verlauf in Wellen, mit guten und schlechten Phasen, ist normal. Ein Teil der Betroffenen hat auch nach Jahren noch Beschwerden, ohne dass sich vorher sagen ließe, wen es trifft. Wenn es bei Ihnen länger dauert als erhofft, ist das der bekannte Verlauf und kein persönliches Versagen.
Helfen Kollagen- oder Gelatinepräparate für die Sehnen?
Die Evidenz ist schwach und uneinheitlich. Solche Präparate können Marker der Kollagenbildung anheben, ein verlässlicher klinischer Nutzen an der Sehne ist aber nicht belegt. Sie sind bestenfalls eine Ergänzung zum Training, kein Ersatz. Wichtiger sind eine ausreichende Eiweißzufuhr, eine ausgeglichene Energiebilanz und der Trainingsreiz selbst.

Weiterführende Seiten

Zusammenfassung

Bindegewebe wird durch Training nicht repariert, aber belastbarer. Für Sehnen ist das gut untersucht: schwer genug, langsam genug, über Monate, und in der richtigen Reihenfolge, erst beruhigen, dann aufbauen. Für Bänder und Faszien ist die Datenlage dünn; man orientiert sich pragmatisch an den Sehnen. Faszienrolle und Massage haben einen kurzen, echten, aber bescheidenen Nutzen und ersetzen kein Krafttraining. Als Steuerung dient die Schmerzreaktion, nicht das Bild im Ultraschall.

Weiterführende Quellen

Sehnen: Anpassung und Training

Struktur, Heilung und Kollagen

Bänder und Nahrungsergänzung

Hinweis: Diese Seite dient der medizinischen Orientierung und ersetzt keine individuelle ärztliche oder physiotherapeutische oder sportmedizinische Beratung, Diagnostik oder Behandlung. Bei starkem Ruheschmerz, nächtlichem Schmerz oder plötzlichem Kraftverlust bitte zeitnah ärztlich abklären lassen.