Kortisonspritze: wann sie hilft und wann sie schadet

Die Kortisonspritze ist die häufigste Spritze bei Schmerzen am Bewegungsapparat, und sie ist zugleich die Behandlung, deren Nutzen am stärksten davon abhängt, wohin sie gesetzt wird. Derselbe Wirkstoff ist an der Sehnenscheide die erste Wahl, am Gelenk eine kurzfristige Überbrückung und an der Sehne selbst eine Behandlung, nach der es sechs Wochen später besser und ein Jahr später im Durchschnitt schlechter steht als ohne. Diese Seite erklärt die drei Fälle, damit Sie die Spritze, die Ihnen angeboten wird, einordnen können.

Warum es auf das Gewebe ankommt

Kortison hemmt Entzündung. Das hilft dort, wo eine Entzündung das Problem ist: in einem gereizten Gelenk mit Erguss oder in einer verdickten, eingeengten Sehnenscheide. Es hilft auf Dauer nicht dort, wo keine echte Entzündung im Vordergrund steht, sondern eine Sehne unter Dauerbelastung ihre Struktur verändert hat. Das ist nach heutigem Verständnis bei den meisten Sehnenbeschwerden der Fall, etwa am Tennisellenbogen oder an der Achillessehne. Dort dämpft Kortison den Schmerz, kann aber das Sehnengewebe schwächen, und es verzögert leicht das, was die Sehne braucht: eine langsam gesteigerte Belastung.

Deshalb lässt sich die Frage „Hilft eine Kortisonspritze?" nicht allgemein beantworten. Sie hat drei Antworten, eine je Gewebe.

Sehnenscheide: die Spritze ist erste Wahl

Bei Sehnenscheidenentzündungen mit Engpass, also beim schnellenden Finger , bei der Daumen-Sehnenscheidenentzündung de Quervain und beim Karpaltunnelsyndrom, ist die Kortisonspritze die am besten belegte Behandlung ohne Operation; das Karpaltunnelsyndrom ist zwar keine Sehnenscheidenentzündung, sondern ein eingeengter Nerv, aber auch dort zielt die Spritze auf den Engpass und nicht auf eine tragende Sehne. Bei de Quervain war die Spritze in einer Auswertung von 16 Studien mit rund 1.200 Patienten deutlich erfolgreicher als eine Schiene allein, und die Kombination aus Spritze und Schiene schlug beides. Beim schnellenden Finger hilft die Spritze in den ersten Wochen mindestens so gut wie ein kleiner Eingriff; nach sechs Monaten hatten allerdings 11 von 100 Gespritzten einen Rückfall, von den Operierten in dieser Studie keiner. Beim Karpaltunnelsyndrom bessern sich die Beschwerden gegenüber einer Scheinspritze über etwa sechs Monate, und etwas weniger Menschen brauchen im ersten Jahr eine Operation. Die deutsche Leitlinie sieht hier eine einmalige Spritze vor und rät von Wiederholungen ab.

Der Grund für die andere Bewertung: Die Spritze trifft hier das Gleitgewebe um die Sehne und den Engpass, nicht die tragende Sehne selbst. Bei Diabetes wirkt sie schlechter, das gehört ins Gespräch.

Sehne: kurz besser, lang schlechter

Für Beschwerden der Sehne selbst zeigt sich über mehrere Sehnen dasselbe Muster, am deutlichsten am Tennisellenbogen . Eine Übersicht über 41 Studien zu Spritzen bei Sehnenbeschwerden fand dort nach vier Wochen einen großen Vorteil der Kortisonspritze gegenüber Nichtstun. Nach sechs Monaten und nach einem Jahr hatte sich das umgekehrt: Wer abgewartet hatte, stand besser da. Eine einzelne Studie zeigt, wie das zustande kommt. Nach sechs Wochen ging es 78 von 100 Gespritzten deutlich besser, aber nur 27 von 100 Abwartenden. Von den zunächst Gebesserten erlitten dann rund sieben von zehn einen Rückfall, und nach einem Jahr schnitt die Spritzengruppe schlechter ab als beide Vergleichsgruppen. Wiederholte Spritzen verschlechterten das Ergebnis in den Studien weiter.

An der Hüftaußenseite, bei der glutealen Tendinopathie , ist es ähnlich: Nach einem Jahr ging es 58 von 100 Gespritzten besser, aber auch 52 von 100 Abwartenden; der Unterschied war nicht mehr gesichert. Ein Übungsprogramm mit Aufklärung erreichte 79 von 100. An der Schulter ist die Spritze schon kurzfristig schwächer als anderswo: In der größten Studie war der Vorteil nach acht Wochen kleiner als das, was Patienten als spürbar angeben, und nach sechs Monaten verschwunden. An der Achillessehne und an der Kniescheibensehne kommt ein Risiko hinzu, das die Sache entscheidet: Diese Sehnen tragen hohe Lasten, und eine Spritze in oder direkt an die Sehne erhöht die Gefahr eines Risses. An diesen beiden Sehnen wird deshalb in der Regel nicht gespritzt.

Das heißt nicht, dass eine Spritze an der Sehne nie vertretbar ist. Es heißt, dass sie ein Preis ist, den man kennen sollte: sechs Wochen Erleichterung gegen ein im Durchschnitt schlechteres Jahr. Wer sie am Ellenbogen oder an der Hüftaußenseite nimmt, weil ein Termin, eine Reise oder eine Arbeitsphase ansteht, tut das einmalig und beginnt parallel mit dem Belastungstraining, das die eigentliche Behandlung ist. Mehr dazu unter Sehnen, Faszien, Bindegewebe .

Zwei Ausnahmen sind begründet: die Kalkschulter in der akuten Auflösungsphase, in der die Spritze den heftigen Schmerz dämpft, ohne den Verlauf zu verschlechtern, und Mischbilder mit Schleimbeutelanteil wie das Pes-anserinus-Syndrom an der Knieinnenseite.

Gelenk: ein Zeitfenster, keine Dauerlösung

Bei Kniearthrose wirkt die Spritze in das Gelenk kurzfristig, und der Effekt ist messbar, aber klein. Über 27 Studien gerechnet liegt die Linderung gegenüber einer Scheinspritze bei etwa einem Punkt auf einer Skala von zehn; rechnerisch muss man acht Menschen behandeln, damit bei einem eine Besserung eintritt, die über die Wirkung der Scheinspritze hinausgeht. Nach ein bis zwei Wochen ist die Wirkung am größten, nach drei Monaten klein, nach sechs Monaten nicht mehr nachweisbar. Das ist ein Mittelwert. Einzelne spüren deutlich mehr, vor allem bei einem gereizten, geschwollenen Knie, andere gar nichts.

Wichtiger als die Wirkdauer ist die Frage der Wiederholung. In einer Studie erhielten Patienten mit Kniearthrose zwei Jahre lang alle drei Monate entweder Kortison oder Kochsalz ins Knie. Die Kortisongruppe verlor messbar mehr Knorpel und hatte am Ende keine geringeren Schmerzen. Eine Beobachtungsstudie an knapp 700 Knien fand nach Beginn regelmäßiger Spritzen ein etwa dreifach erhöhtes Risiko, dass die Arthrose im Röntgenbild fortschreitet: rund 22 statt 7 Verschlechterungen je 100 Knie und Jahr. Solche Studien können nicht sauber trennen, ob die Spritze oder die Auswahl der gespritzten Patienten den Unterschied macht, aber das Signal passt zum Ergebnis der Vergleichsstudie. Die deutsche Knie-Leitlinie führt die Spritze deshalb als kurzfristige Option, wenn andere Mittel nicht ausreichen.

An der Hüfte gibt es nur eine kleine Vergleichsstudie mit Wirkung über etwa drei Monate; die Spritze sollte dort unter Bildkontrolle erfolgen. Bei Arthrose der Fingergelenke und des Daumensattelgelenks ist kein Spritzenverfahren belegt, weder Kortison noch Hyaluronsäure noch Eigenblut; die Sehnenscheiden an Hand und Daumen sind ein anderer Fall, siehe oben. Am Sprunggelenk fehlen die Daten fast ganz.

Die sinnvolle Rolle der Gelenkspritze ist damit klar: Sie öffnet ein Fenster von einigen Wochen, in dem Bewegung und Training wieder möglich werden. Wer dieses Fenster nutzt, hat etwas gewonnen. Wer die Spritze als regelmäßig wiederkehrende Schmerzbehandlung nimmt, hat am Knie nach den vorliegenden Studien im Durchschnitt mehr Knorpelverlust und nicht weniger Schmerz.

Was Sie vor der Spritze klären sollten

Wohin genau? Fragen Sie, ob in ein Gelenk, in eine Sehnenscheide, an eine Sehne oder in einen Schleimbeutel gespritzt wird. Die Antwort entscheidet, welcher der drei Fälle oben für Sie gilt.

Wofür? Eine Spritze ist am ehesten sinnvoll, wenn sie etwas ermöglicht, das ohne sie nicht geht: Training bei Arthrose, Schienenbehandlung an der Sehnenscheide. Legen Sie vorher fest, was in den nächsten vier bis sechs Wochen wieder gehen soll, und beurteilen Sie danach, ob es geklappt hat. Ein Schmerztagebuch macht diese Bilanz verlässlicher.

Diabetes? Der Blutzucker steigt nach der Spritze, am stärksten nach ein bis drei Tagen, in Einzelfällen stark. Klären Sie, wie oft Sie messen und ab welchem Wert Sie sich melden sollen. Bei schlecht eingestelltem Diabetes ist die Spritze möglichst zu vermeiden.

Antibiotika? Wenn Sie in den letzten Monaten ein Fluorchinolon (etwa Ciprofloxacin, Levofloxacin) eingenommen haben, ist das Risiko eines Sehnenrisses nach einer Spritze an die Sehne deutlich erhöht. Sagen Sie es.

Operation geplant? Vor einem künstlichen Hüftgelenk soll nach der deutschen Leitlinie ein Abstand von mindestens sechs Wochen, besser drei Monaten zur letzten Gelenkspritze liegen, wegen eines möglichen Infektionsrisikos. Ist bereits eine Prothese eingesetzt, wird in dieses Gelenk nur unter Operationsbedingungen gespritzt.

Blutverdünner, Hautprobleme an der Stelle, Fieber? Alles Gründe, die Spritze zu verschieben oder anders zu planen. Blutverdünner setzen Sie deswegen nie selbst ab; ob und wie sie pausiert werden, entscheidet die Praxis mit Ihnen.

Was nach der Spritze normal ist und was nicht

Das Betäubungsmittel wirkt sofort und lässt nach Stunden nach; das Kortison braucht ein bis drei Tage. Dazwischen kann der Schmerz vorübergehend zurückkehren oder für ein bis zwei Tage stärker werden. Das ist häufig und meist harmlos. Nicht normal sind zunehmende Rötung, Überwärmung, Schwellung oder Fieber, egal wann sie auftreten, und ein Schmerz, der über den zweiten Tag hinaus weiter zunimmt statt nachzulassen. Dann gehört die Stelle noch am selben Tag ärztlich angesehen, weil eine Infektion selten ist, aber schnell behandelt werden muss. Weitere Warnzeichen finden Sie auf der eigenen Seite.

Häufige Fragen

Wie oft darf man eine Kortisonspritze bekommen, und welcher Abstand ist nötig?
Das hängt davon ab, wohin gespritzt wird. In eine Sehnenscheide, etwa bei schnellendem Finger oder Daumen-Sehnenscheidenentzündung, sind ein bis zwei Spritzen üblich; mehr bringen selten etwas und schaden Haut und Sehne. Beim Karpaltunnelsyndrom sieht die deutsche Leitlinie nur eine einzige Spritze vor. In eine Sehne selbst, etwa am Tennisellenbogen, sollte höchstens einmal gespritzt werden, weil Wiederholungen das Ergebnis nach einem Jahr weiter verschlechtern. In ein Gelenk gilt als Obergrenze aus der Verträglichkeit ein Abstand von mindestens drei bis vier Wochen und nicht mehr als drei bis vier Spritzen pro Gelenk und Jahr. Diese Obergrenze ist kein Nachweis, dass so viele Spritzen sicher oder nützlich sind: Am Knie hat eine Studie mit einer Spritze alle drei Monate über zwei Jahre mehr Knorpelverlust und keinen Schmerzvorteil gezeigt. Eine zweite Spritze ist nur sinnvoll, wenn die erste nachweislich geholfen hat und ein neues Ziel dafür benannt ist.
Wie lange wirkt eine Kortisonspritze im Knie?
Bei Kniearthrose ist die Wirkung nach ein bis zwei Wochen am größten, nach etwa drei Monaten noch klein und nach sechs Monaten in den Studien nicht mehr nachweisbar. Die englische Leitlinie nennt zwei bis zehn Wochen. Im Durchschnitt beträgt die Linderung gegenüber einer Scheinspritze etwa einen Punkt auf einer Schmerzskala von zehn; das ist ein Mittelwert, einzelne Menschen spüren deutlich mehr oder gar nichts. Am meisten bringt die Spritze, wenn sie ein Zeitfenster öffnet, in dem Bewegung und Training wieder möglich werden.
Hilft eine Kortisonspritze am Ellenbogen?
Kurzfristig ja, langfristig nein. In einer großen Vergleichsstudie ging es nach sechs Wochen 78 von 100 Behandelten mit Spritze deutlich besser, aber nur 27 von 100, die abgewartet hatten. Nach einem Jahr hatte sich das umgekehrt: Von den zunächst Gebesserten in der Spritzengruppe erlitten rund sieben von zehn einen Rückfall, und die Spritzengruppe stand am Ende schlechter da als die Abwartenden und als die mit Physiotherapie. Das ist am Ellenbogen belegt; an der Sehne an der Hüftaußenseite zeigte sich ein ähnliches Muster. Wer trotzdem spritzt, weil ein akutes Ereignis ansteht, sollte das einmalig tun und gleichzeitig mit dem Belastungstraining beginnen. Details: Tennisellenbogen.
Welche Nebenwirkungen hat eine Kortisonspritze?
Die häufigste Nebenwirkung ist eine vorübergehende Verstärkung der Schmerzen für ein bis zwei Tage, die sogenannte Kortison-Flare; wie oft sie vorkommt, ist nicht verlässlich erfasst. Bei Diabetes steigt der Blutzucker nach der Spritze an, am stärksten nach ein bis drei Tagen, in einzelnen Fällen deutlich; deshalb gehört eine Woche engmaschigere Kontrolle dazu. An der Haut kann eine helle Verfärbung oder eine Delle durch Gewebeschwund entstehen, vor allem bei oberflächlichen Spritzen. Eine Gelenkinfektion trat in einem großen Register bei etwa einer von 1.200 Gelenkspritzen auf; Rötung, Schwellung, Fieber oder zunehmender Schmerz nach der Spritze gehören deshalb sofort ärztlich abgeklärt. Ein Sehnenriss war in den Studien zu Sehnenspritzen selten (etwa einer von 1.000 Behandelten); an der Achillessehne, an der Kniescheibensehne und nach Antibiotika aus der Gruppe der Fluorchinolone wird das Risiko höher eingeschätzt, ohne dass es dafür eine eigene Zahl gibt. Diabetesmedikamente oder Blutverdünner werden wegen einer Spritze nie eigenmächtig verändert, sondern nur nach Absprache.
Zahlt die Krankenkasse die Kortisonspritze?
Die Spritze mit Kortison und Betäubungsmittel gehört in der Regel zum Leistungskatalog der gesetzlichen Kassen, wenn eine ärztliche Indikation besteht; ob eine Ultraschallkontrolle mit abgerechnet wird, hängt von Fachgebiet und Begründung ab und ist in der Praxis zu erfragen. Nicht von der gesetzlichen Kasse bezahlt werden andere Spritzen, die oft als Alternative angeboten werden: Hyaluronsäure, Eigenblut (PRP) oder Eigenserum. Ein Vorteil gegenüber der Kortisonspritze ist für sie bei Kniearthrose nicht belegt; die deutsche Knie-Leitlinie gibt zu Hyaluronsäure wegen widersprüchlicher Daten keine Empfehlung ab und führt PRP nur als nachrangige Option, wenn anderes nicht geholfen hat.
Was sind die Alternativen zur Kortisonspritze?
Das hängt vom Ort ab. An der Sehne (Ellenbogen, Achillessehne, Hüftaußenseite, Schulter) ist die Alternative die eigentliche Behandlung: ein über Wochen gesteigertes Belastungstraining, das in den Studien nach einem Jahr besser abschneidet als die Spritze. Am Gelenk ist es die Kombination aus Bewegungstherapie, Gewichtsmanagement und Schmerzmitteln als Gel; die Spritze kann den Einstieg erleichtern. An der Sehnenscheide ist die Spritze selbst die erste Wahl, bei de Quervain zusammen mit einer Schiene, und bei Rückfall folgt ein kleiner Eingriff. Stoßwelle, Hyaluronsäure und Eigenblut sind je nach Ort unterschiedlich belegt und meist Selbstzahlerleistungen.

Vertiefung

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Weiterführende Quellen

Deutschsprachige Leitlinien

Internationale Leitlinien

Systematische Übersichten und Schlüsselstudien

Hinweis: Diese Seite dient der medizinischen Orientierung und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnostik oder Behandlung. Ob eine Kortisonspritze bei Ihrer Beschwerde sinnvoll ist, wohin sie gehört und was sie ermöglichen soll, wird in der Sprechstunde gemeinsam festgelegt.