Ruhig fließendes Wasser über glatten Steinen in einem stillen Bachlauf

Was die periradikuläre Therapie leistet und was nicht

Die periradikuläre Therapie, kurz PRT, ist eine gezielte Spritze an eine gereizte Nervenwurzel der Wirbelsäule. Sie kann ausstrahlende Schmerzen für eine begrenzte Zeit lindern, im Mittel allerdings nur wenig. Sie verändert nicht die Bandscheibe selbst und sie ersetzt keine Operation, wo eine nötig ist.

Was die PRT macht

Über eine dünne Nadel wird unter Bildsteuerung (CT oder Röntgen) eine Mischung aus Betäubungsmittel und Kortison direkt an die entzündete Nervenwurzel gebracht. Das Kortison soll die Entzündung um die Wurzel dämpfen, das Betäubungsmittel hilft kurzfristig gegen den Schmerz. Der Eingriff dauert wenige Minuten und läuft in der Regel ambulant ab.

Die Spritze beseitigt nicht den Bandscheibenvorfall selbst. Sie reduziert auch nicht den mechanischen Druck auf die Nervenwurzel im Bild. Man geht davon aus, dass sie vor allem die Entzündung um die Wurzel beruhigt; gemessen ist dieser Wirkweg beim Menschen nicht. Untersucht ist die Spritze bei Schmerzen, die ins Bein ausstrahlen. Für Rückenschmerz ohne Ausstrahlung ist eine Wirkung nicht belegt.

Wann eine PRT sinnvoll ist

Drei Voraussetzungen sollten erfüllt sein.

Erstens: der Schmerz strahlt typisch in ein Bein oder einen Arm aus, entlang des Versorgungsgebiets einer bestimmten Nervenwurzel. Das ist die sogenannte radikuläre Symptomatik. Reiner Rückenschmerz ohne Ausstrahlung ist meist keine gute Indikation.

Zweitens: das MRT zeigt ein passendes Bild, also einen Bandscheibenvorfall oder eine Verengung an der Stelle, die zu den Beschwerden passt. Ein passender Befund allein belegt noch keinen Nutzen der Spritze: Für Verengungen am Nervenaustritt fehlen Wirksamkeitsdaten, und bei einer Verengung des Wirbelkanals mit Beschwerden beim Gehen bringt das Kortison gegenüber Betäubungsmittel allein keinen oder kaum einen Zusatznutzen.

Drittens: es liegen keine Warnzeichen vor, die eine andere Behandlung vorrangig machen. Dazu zählen vor allem zunehmende Lähmungen, eine Cauda-equina-Symptomatik mit Blasen- oder Mastdarmstörung und Taubheit im Reitsitzbereich. In diesen Fällen ist die sofortige ärztliche Abklärung vorrangig, bei Blasen- oder Darmstörung in der Notaufnahme.

Zeitfenster

Einen belegten besten Zeitpunkt gibt es nicht. Die Studien haben Menschen mit sehr unterschiedlich langer Beschwerdedauer untersucht und nicht danach getrennt ausgewertet. Die britische Leitlinie empfiehlt, die Spritze bei akuten und starken Beschwerden zu erwägen, ohne eine Wochenzahl zu nennen. Weil sich viele Bandscheibenvorfälle in den ersten Wochen von selbst bessern, wird sie meist erst gesetzt, wenn starke Beschwerden anhalten. Der passende Zeitpunkt ist eine ärztliche Abwägung im Einzelfall.

Was die Studien zeigen

Zu Kortisonspritzen an die Nervenwurzeln gibt es viele Studien. Sie fassen meist mehrere Zugangswege zusammen, zu denen die PRT gehört. Die großen Übersichtsarbeiten kommen zu drei Befunden.

Kurzfristig wirkt sie, aber wenig. Gegenüber einer Scheinbehandlung lindert die Spritze Beinschmerz und Einschränkung in den ersten Wochen bis etwa drei Monate. Im Mittel sind das rund 5 von 100 Punkten, also ein kleiner Effekt.

Langfristig ist kein Vorteil nachgewiesen. Ab einem Jahr ist gegenüber einer Scheinspritze kein Vorteil mehr nachgewiesen.

Ob sie eine Operation erspart, ist offen. Eine kleine Studie an Menschen, denen eine Operation bevorstand, spricht dafür: Während einer Beobachtung von 13 bis 28 Monaten verzichteten mit Kortison und Betäubungsmittel 20 von 28 auf die Operation, mit Betäubungsmittel allein 9 von 27. Größere Studien dazu fehlen.

Die PRT kann also kurzfristig etwas lindern, sie ist aber keine strukturelle Lösung. Viele nutzen die Linderung, um wieder aktiver zu werden. Das ist sinnvoll, auch wenn nicht eigens untersucht ist, ob es den Verlauf verbessert.

Wie es nach der Spritze weitergeht

Direkt nach dem Eingriff gilt eine moderate Schonung für 24 Stunden. Schwere körperliche Belastung wird auf den Folgetag verschoben, vollständige Bettruhe ist aber nicht sinnvoll. Wärme und milde Mobilisation sind erlaubt.

Der Wirkungsverlauf hat häufig zwei Phasen. In den ersten Stunden wirkt das Betäubungsmittel: Viele haben in dieser Zeit deutlich weniger Schmerzen. Dieser Effekt klingt nach ein paar Stunden wieder ab. Dann braucht das Kortison einige Tage, bis seine Wirkung sich aufbaut, wenn sie eintritt. Zwischen diesen beiden Wirkphasen kann es eine Lücke geben, in der die ursprünglichen Schmerzen vorübergehend zurückkehren. Das ist erwartbar und kein Zeichen, dass die Spritze nicht funktioniert hat.

Sobald die Schmerzen nachlassen, ist ein guter Zeitpunkt, vorsichtig zu mobilisieren und in ein strukturiertes Training einzusteigen, statt sich zu schonen. Die Wirkung der Spritze selbst ist zeitlich begrenzt. Bewegung und Training haben Sie danach selbst in der Hand.

Konkrete Schritte:

Eine genaue Beschreibung der Trainings-Phasen nach Bandscheibenvorfall finden Sie auf der Seite Bandscheibenvorfall und Prognose .

Mehrere Sitzungen

Eine Wiederholung ist möglich. Feste Regeln aus Studien gibt es dafür nicht; die folgenden Werte sind übliche Praxis. Sie ist sinnvoll, wenn die erste Spritze eine spürbare Besserung gebracht hat, die Wirkung aber nicht ausreicht oder zu früh nachlässt. Der frühestmögliche Abstand liegt bei ein bis zwei Wochen. Die übliche Maximalzahl sind zwei bis drei Sitzungen über sechs bis zwölf Monate.

Hat die erste Spritze keine spürbare Besserung gebracht, werden Indikation und weitere Behandlung neu geprüft. Oft ist dann ein Wechsel der Strategie sinnvoll, also multimodale Schmerztherapie, gegebenenfalls operative Vorstellung oder Anpassung der medikamentösen Therapie.

Risiken

Leichte Nebenwirkungen sind häufig und gehen von selbst vorbei. In einer Serie von über 300 Spritzen an der Lendenwirbelsäule hatte etwa jede zehnte eine solche Nebenwirkung, am häufigsten Kopfschmerz, kurzzeitig mehr Rücken- oder Beinschmerz oder eine Gesichtsrötung. Ernste Komplikationen wie Infektion, Blutung oder Verletzung von Nervenstrukturen sind selten, aber beschrieben; eine verlässliche Häufigkeit gibt es nicht. Beim Zugang durch das Nervenaustrittsloch sind selten auch schwere Gefäßkomplikationen beschrieben, an der Halswirbelsäule bis zu Durchblutungsstörungen von Rückenmark und Hirnstamm. Dort wird deshalb ein Kortisonpräparat ohne Kristalle verwendet, an der Lendenwirbelsäule meist ebenfalls zuerst.

Wenn Sie Blutverdünner nehmen, sprechen Sie das vorher an; das Vorgehen richtet sich nach dem Medikament. Bei Diabetes kann der Blutzucker nach der Spritze vorübergehend steigen.

Bei einer CT-gesteuerten Spritze an der Lendenwirbelsäule lag die Strahlendosis in einer großen Auswertung im Mittel bei etwa 1,4 Millisievert. Mit Niedrigdosis-Verfahren lässt sie sich weiter senken. Bei wiederholten Sitzungen gehört die Gesamtdosis ins Aufklärungsgespräch.

Wann Sie sich melden sollten

Bei neuer oder zunehmender Lähmung, Blasen- oder Darmstörung oder Taubheit im Reitsitzbereich warten Sie nicht auf den nächsten Termin, sondern lassen sich sofort ärztlich untersuchen, notfalls in der Notaufnahme. Zeitnah ärztlich abklären lassen sollten Sie außerdem:

Was die PRT nicht kann

Drei Annahmen begegnen häufig in der Sprechstunde und sollten ehrlich eingeordnet werden.

Die Spritze beseitigt den Bandscheibenvorfall nicht, sie entfernt kein Bandscheibenmaterial. Ob sie die Rückbildung beeinflusst, ist nicht untersucht. Die Rückbildung, die im Verlauf oft eintritt, ist auch ohne Spritze häufig.

Ein langfristiger Vorteil ist nicht nachgewiesen. Erwarten Sie deshalb keine dauerhafte Linderung durch die Spritze; die Wirkung hält meist Wochen bis wenige Monate.

Die Spritze ersetzt nicht die aktive Therapie. Bewegung, Physiotherapie und Training bleiben die Grundlage; die Spritze kann helfen, damit überhaupt anzufangen.

Vertiefung

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Weiterführende Quellen

Deutschsprachige Leitlinien

Internationale Leitlinien

Systematische Übersichten und Schlüsselstudien

Hinweis: Diese Seite dient der medizinischen Orientierung und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnostik oder Behandlung. Indikation, Durchführung und Wiederholung einer PRT werden in der Sprechstunde gemeinsam besprochen und an Ihre Situation angepasst.