Wenn der Alarm bleibt, obwohl nichts kaputt ist
Die Bedeutung des Schmerzes verändern
Bei manchen chronischen Schmerzen ist die Ursache nicht im Gewebe zu finden, sondern in einem Nervensystem, das ein Schutzsignal weiter sendet, obwohl der Anlass vorbei ist. Für diese Schmerzform gibt es einen Ansatz, der nicht das Gewebe behandelt und nicht das Aushalten trainiert, sondern etwas Drittes: die Einordnung der Empfindung selbst. Diese Seite erklärt, was das bedeutet, wie gut es belegt ist und für wen es infrage kommt.
Der Unterschied zu allem, was Sie vielleicht schon kennen
Die verbreiteten psychologischen Verfahren bei chronischem Schmerz haben ein gemeinsames Ziel: besser mit dem Schmerz leben. Sie vermitteln Strategien, um trotz Schmerz handlungsfähig zu bleiben, und das ist sinnvoll und gut untersucht.
Der hier beschriebene Ansatz zielt auf etwas anderes, nämlich auf den Schmerz selbst. Die Annahme dahinter: Wenn eine Empfindung ihre Bedeutung als Gefahrensignal verliert, verliert der Kreislauf, der sie unterhält, seinen Antrieb.
Das klingt nach einer Kleinigkeit und ist eine erhebliche Verschiebung. Es heißt nämlich, dass das Ziel nicht Bewältigung ist, sondern Veränderung.
Warum das überhaupt denkbar ist
Drei Dinge müssen zusammenkommen, damit dieser Gedanke trägt.
Schmerz misst keinen Schaden. Er entsteht nicht im Gewebe, sondern im Nervensystem. Aus dem Gewebe kommen Signale; was daraus wird, entscheidet die Verarbeitung. Schmerz ist deshalb keine Messung, sondern eine Einschätzung, und Einschätzungen können danebenliegen. Ausführlich dazu: Was ist Schmerz .
Ein Alarmsystem kann empfindlich werden. Bei chronischem Schmerz kann die Schwelle sinken, bis harmlose Signale als bedrohlich verarbeitet werden. Das ist keine Einbildung, sondern eine veränderte Verarbeitung, und der Schmerz ist dabei vollständig real. Siehe Wenn Schmerz nicht aufhört .
Angst hält den Zustand aufrecht. Schmerz erzeugt Sorge, Sorge erhöht die Alarmbereitschaft, das senkt die Schwelle weiter. Auffällig ist, dass nicht die Schmerzstärke den weiteren Verlauf am besten vorhersagt, sondern die Angst vor dem Schmerz und das Ausmaß der Vermeidung.
Wenn diese drei Punkte zutreffen, dann liegt der zugänglichste Ansatzpunkt nicht im Gewebe, sondern in der Bewertung. Genau dort setzt das Vorgehen an.
Wie es praktisch aussieht
Fünf Bausteine, in dieser Reihenfolge.
Verstehen. Eine ausführliche Erklärung, wie Schmerz ohne Gewebeschaden entstehen und bleiben kann, und wie der Kreislauf aus Schmerz und Angst funktioniert. Das Bild dazu: Der Alarm geht wirklich los, und es brennt nicht.
Eigene Belege sammeln. Der entscheidende und meist übersprungene Schritt. Der Patient sammelt selbst Beobachtungen, die für einen zentralen Ursprung sprechen: Beginn in einer Belastungsphase, wechselnde Lokalisation ohne mechanische Logik, Phasen mit deutlich weniger Schmerz, eine Bewegung, die einmal ohne Beschwerden ging, mehrere funktionelle Beschwerden parallel.
Warum das nötig ist: Der nächste Schritt funktioniert nur mit einer eigenen Überzeugung. Wer sich vorsagt, eine Empfindung sei sicher, und innerlich denkt „aber mein MRT", übt nichts.
Hinsehen ohne Angst. Die Kerntechnik. Die Aufmerksamkeit wird auf die schmerzende Stelle gerichtet, die Empfindung beschrieben, und dabei innerlich als ungefährlich eingeordnet. Nicht als angenehm, sondern als sicher. Dazu gehört eine dritte Komponente, die häufig weggelassen wird: eine gewisse Beiläufigkeit, weil ein angespanntes Nervensystem nicht lernt, dass etwas sicher ist.
Angewendet wird das im Sitzen und später während der Bewegungen, die gemieden wurden.
Andere Alarmquellen senken. Anhaltender Druck, Selbstkritik, unverarbeitete Belastungen. Für ein System, das auf Bedrohung achtet, sind diese Dinge Dauermeldungen.
Zuwendung zu Angenehmem. Aufmerksamkeit auf neutrale und angenehme Körperempfindungen, um den Grundzustand zu verschieben.
Die Regel, ohne die es nicht funktioniert
An Tagen mit starkem Schmerz wird nicht geübt und nicht durchgehalten. Dann ist es richtig, es sich leichter zu machen. Geübt wird bei leichtem bis mittlerem Schmerz.
Der Grund ist nüchtern: Bei starkem Schmerz kann kein Nervensystem lernen, dass etwas sicher ist. Wer gegen starken Schmerz übt, übt das Gegenteil. Diese Regel fehlt in populären Darstellungen des Ansatzes fast immer, und ohne sie wird aus der Technik ein Kampf gegen den eigenen Körper.
Was die Studien zeigen
Und hier wird es wichtig, genau zu sein, weil zu diesem Thema mit Zahlen geworben wird, die so nicht mehr gelten.
Die Ausgangsstudie untersuchte Menschen mit chronischem Rückenschmerz, im Mittel seit zehn Jahren. Nach vier Wochen mit neun Sitzungen waren zwei Drittel nahezu oder vollständig schmerzfrei, verglichen mit einem Fünftel unter einer Scheinbehandlung. Nach fünf Jahren war das Ergebnis bei mehr als der Hälfte noch stabil, ohne Auffrischsitzungen. Diese Studie hatte allerdings Idealbedingungen: eine ausgewählte Gruppe mit moderaten Schmerzen, und die Behandler waren die Entwickler des Verfahrens.
Die Nachfolgestudie hat genau diese Punkte behoben. Sie verglich das Vorgehen mit einer klassischen Schmerzpsychotherapie, mit Therapeuten, die das Verfahren nicht entwickelt hatten, und mit einer breiteren Teilnehmergruppe. Ergebnis: Das Vorgehen war bei Schmerzstärke und Alltagsbeeinträchtigung überlegen. Nahezu schmerzfrei wurde etwa ein Viertel, gegenüber praktisch niemandem unter der Vergleichstherapie.
Was daraus folgt. Der Effekt ist echt und in seiner Richtung bestätigt, aber er ist ein Drittel so groß wie zunächst berichtet. Die belastbare Erwartung ist also: etwa jeder Vierte wird nahezu schmerzfrei. Bei den übrigen bleibt Schmerz vorhanden, oft geringer. Was sich in den Studien bei fast allen verbesserte, waren Alltagsbeeinträchtigung, Stimmung und Bewegungsangst.
Wenn Sie irgendwo die Zahl von zwei Dritteln lesen: sie stammt aus der Studie mit den Idealbedingungen und ist durch die neuere Untersuchung nach unten korrigiert.
Was offen ist. Eine Bestätigung durch eine völlig unabhängige Arbeitsgruppe fehlt noch, eine europäische Studie läuft. Die Vergleichsstudie liegt bislang nur als Kongressbeitrag vor. Für andere Diagnosen als Rückenschmerz gibt es nur erste Machbarkeitsdaten. Und niemand kann vorher sagen, wer profitiert.
Wir halten den Ansatz für gut begründet und sagen im gleichen Atemzug, dass seine Datenbasis schmaler ist als die etablierter Verfahren. Wie man mit solchen Lücken umgeht, ordnet Was wir wissen und was nicht ein.
Für wen es infrage kommt
Mehrere der folgenden Punkte sprechen dafür, und sie müssen zusammen auftreten, nicht einzeln:
- die Beschwerden begannen in einer belastenden Lebensphase oder ohne Unfall
- Untersuchungen haben keine ausreichende Erklärung ergeben, oder der Befund passt nicht zum Beschwerdebild
- der Schmerz wechselt Ort oder Stärke ohne mechanisch nachvollziehbaren Grund
- es bestehen weitere Beschwerden wie Kopfschmerzen, Reizdarm, Schwindel oder anhaltende Erschöpfung
- es gibt ausgeprägte Angst vor Bewegung und deutliches Vermeidungsverhalten
- es gab Situationen, in denen eine sonst schmerzhafte Bewegung problemlos möglich war
Bei vielen Menschen liegt kein reines Bild vor. Eine Arthrose kann vorhanden sein und trotzdem stärker weh tun, als das Gelenk erklärt. Dann geht es nicht darum, den Befund zu leugnen, sondern um den Anteil, der darüber hinausgeht.
Für wen es nicht passt
Diese Liste ist nicht Vorsicht, sondern der wichtigste Teil der Seite.
Solange etwas nicht abgeklärt ist. Neue oder veränderte Beschwerden, ungeklärte Warnzeichen, nachlassende Kraft oder Gefühlsstörungen, Fieber, ungewollter Gewichtsverlust, nächtliche Schmerzen. Siehe Warnzeichen . Das Umdeuten einer Empfindung setzt eine abgeschlossene Abklärung voraus und ersetzt sie nicht.
Bei überwiegend anderem Mechanismus. Wenn eine Entzündung, eine Nervenschädigung oder eine andere behandelbare Ursache das Bild bestimmt, verschiebt dieser Ansatz nur die Aufmerksamkeit vom Wesentlichen weg.
Bei unbehandelter schwerer Depression, akuter Krise oder unbehandelten Traumafolgen. Der emotionsbezogene Teil des Vorgehens kann dann belasten, statt zu helfen. Hier ist psychotherapeutische Begleitung der richtige erste Schritt.
Während eines laufenden Renten- oder Gutachtenverfahrens. Nicht weil Betroffene unehrlich wären, sondern weil die Arbeit an der Einordnung des eigenen Schmerzes in einen Interessenkonflikt gerät, der niemandem hilft.
Und eine Klarstellung, die viele brauchen: Dass ein Schmerz aus einem überempfindlichen Alarmsystem kommt, macht ihn nicht psychisch, nicht eingebildet und nicht zu Ihrer Verantwortung. Es macht ihn zu etwas, das veränderbar sein kann.
Was Sie damit anfangen können
Für sich allein. Das Behandlungsprotokoll ist frei zugänglich, allerdings auf Englisch. Auf Deutsch beschreibt der Entwickler das Vorgehen in Buchform (Alan Gordon, Alon Ziv: „Wege aus dem Schmerz"). Eine deutschsprachige Übersichtsarbeit für Interessierte mit medizinischem Vorwissen ist frei verfügbar (siehe Quellen).
Mit Begleitung. In Deutschland gibt es das Verfahren kaum als vollständige Behandlung; es existieren nur einzelne geschulte Behandler, keine Leitlinienverankerung und keine Kassenleistung. Einzelne Bausteine lassen sich aber in ärztliche Gespräche einbauen, und im Rahmen der psychosomatischen Grundversorgung ist das abrechenbar. Sprechen Sie Ihre Schmerzmedizinerin oder Ihren Hausarzt darauf an.
Verwandte Wege, die verfügbar sind. Eine Schmerzpsychotherapie mit Schwerpunkt auf Emotionsverarbeitung setzt an einem ähnlichen Modell an. Achtsamkeitsbasierte Programme haben bei der Schmerzstärke belegte Effekte und sind flächendeckend verfügbar. Für die Akzeptanz- und Commitment-Therapie gibt es eine digitale Gesundheitsanwendung auf Rezept. Keiner dieser Wege ist ein Notbehelf.
Was Sie realistisch erwarten dürfen
Etwa jeder Vierte wird in den Studien nahezu schmerzfrei, deutlich mehr als unter einer klassischen Schmerzpsychotherapie. Bei der Mehrheit bleibt Schmerz vorhanden, häufig geringer und besser handhabbar. Verbessert haben sich bei fast allen der Umgang mit dem Schmerz, die Bewegungsangst und die Beeinträchtigung im Alltag.
Ein Schmerz von fünf, mit dem Sie alles tun, ist etwas anderes als ein Schmerz von fünf, der den Tag bestimmt. Das ist keine Trostformel, sondern für die meisten Menschen der Unterschied, der zählt.
Weiterführende Quellen
Deutschsprachige Übersicht
- Kallweit & Schubiner: Pain Reprocessing Therapy, Schmerz neu denken (Der Schmerz 2025) : frei zugängliche deutschsprachige Übersichtsarbeit zum Ansatz, seinen Wirkannahmen und der Studienlage.
Schlüsselstudien
- Ashar et al., JAMA Psychiatry 2022 : die Ausgangsstudie bei chronischem Rückenschmerz, aus der die häufig zitierte Zahl von zwei Dritteln stammt, mit den Einschränkungen der Idealbedingungen.
- Ashar et al., JAMA Psychiatry 2025 (Fünf-Jahres-Verlauf) : Nachuntersuchung derselben Gruppe nach fünf Jahren, ohne Auffrischsitzungen.
- Ashar et al., Kongressbeitrag der United States Association for the Study of Pain 2026: Vergleich mit klassischer Schmerzpsychotherapie, Grundlage der belastbareren Zahl von etwa einem Viertel. Bislang keine Volltextpublikation.
- Yarns et al., JAMA Network Open 2024 : Studie zu einem verwandten, emotionsbezogenen Verfahren, das der klassischen Schmerzpsychotherapie bei der Schmerzreduktion ebenfalls überlegen war.
Hinweis zur Bezeichnung: Das Verfahren heißt im Original Pain Reprocessing Therapy. Der Name ist geschützt und bezeichnet eine vollständige Behandlung mit ausgebildeten Therapeuten. Diese Seite beschreibt die Idee und die Bausteine, nicht ein Angebot.
Hinweis: Diese Seite dient der medizinischen Orientierung und ersetzt keine individuelle ärztliche oder psychotherapeutische Beratung, Diagnostik oder Behandlung. Dieses Vorgehen setzt eine abgeschlossene ärztliche Abklärung voraus. Bei neuen oder sich verändernden Beschwerden bitte erneut abklären lassen.