Zwei Zahlen, die zusammengehören
Zu diesem Thema wird mit einer Zahl geworben, die unter Idealbedingungen zustande kam. Deshalb lohnt es sich, genau hinzusehen, woher die Zahlen stammen und wie sie zusammengehören.
Die Ausgangsstudie
Sie untersuchte Menschen mit chronischem Rückenschmerz, im Mittel seit zehn Jahren. Nach vier Wochen mit neun Sitzungen waren zwei Drittel nahezu oder vollständig schmerzfrei, verglichen mit einem Fünftel unter einer Scheinbehandlung, einer offen als Placebo gegebenen Spritze.
Dieselbe Gruppe wurde nach fünf Jahren erneut befragt: Gut die Hälfte war weiterhin nahezu schmerzfrei. Diese Zahl braucht allerdings ihren Vergleich, sonst führt sie in die Irre, denn auch von den Menschen ohne diese Behandlung war zu diesem Zeitpunkt gut ein Drittel nahezu schmerzfrei. Der Vorsprung war nach fünf Jahren also noch da, aber schmaler als direkt nach der Behandlung. Was die Teilnehmer in diesen fünf Jahren sonst noch an Behandlung bekamen, wurde nicht erfasst.
Diese Studie hatte zudem Idealbedingungen: eine ausgewählte Gruppe mit moderaten Schmerzen, und behandelt wurde vom Team der Entwickler.
Die Nachfolgestudie
Sie nahm sich einen Teil dieser Punkte vor. Sie verglich das Vorgehen mit einer klassischen Schmerzpsychotherapie, mit Therapeuten, die das Verfahren nicht mitentwickelt hatten; sie stammt aus derselben Arbeitsgruppe.
Ergebnis: Das Vorgehen war bei Schmerzstärke und Alltagsbeeinträchtigung überlegen, bei Stimmung und Schlaf zeigte sich kein Vorteil. Nahezu schmerzfrei wurde etwa ein Viertel, gegenüber praktisch niemandem unter der Vergleichstherapie. Diese Studie ist bisher nur auf einem Fachkongress vorgestellt worden; eine vollständige Veröffentlichung liegt noch nicht vor, und wer genau teilgenommen hat, lässt sich deshalb nicht nachprüfen.
Wie die beiden Zahlen zusammengehören
Keine der beiden Zahlen ersetzt die andere. Die zwei Drittel entstanden unter Idealbedingungen und im Vergleich mit einer Scheinbehandlung, das Viertel im Vergleich mit einer etablierten Therapie und nach bisher unvollständig veröffentlichtem Stand. Beide sprechen in dieselbe Richtung. Wie es bei einem einzelnen Menschen ausgeht, lässt sich aus keiner von beiden vorhersagen, und bei vielen bleibt Schmerz vorhanden, oft geringer.
Wenn Sie irgendwo nur die Zahl von zwei Dritteln lesen: Sie stammt aus der Studie mit den Idealbedingungen und gehört mit ihrer Vergleichsgruppe und der neueren Untersuchung zusammen gelesen.
Was offen ist
Eine Bestätigung durch eine völlig unabhängige Arbeitsgruppe fehlt noch, eine europäische Studie läuft. Für andere Diagnosen als Rückenschmerz gibt es nur erste Machbarkeitsdaten. Und niemand kann vorher sagen, wer profitiert.
Wir halten den Ansatz für gut begründet und sagen im gleichen Atemzug, dass seine Datenbasis schmaler ist als die etablierter Verfahren. Wie man mit solchen Lücken umgeht, ordnet Was wir wissen und was nicht ein. Was das für die eigene Erwartung heißt, steht im Kapitel Was realistisch herauskommt .
Weiterführende Quellen
Deutschsprachige Übersicht
- Kallweit & Schubiner: Pain Reprocessing Therapy, Schmerz neu denken (Der Schmerz 2025) : frei zugängliche deutschsprachige Übersichtsarbeit zum Ansatz, seinen Wirkannahmen und der Studienlage.
Schlüsselstudien
- Ashar et al., JAMA Psychiatry 2022 : die Ausgangsstudie bei chronischem Rückenschmerz, aus der die häufig zitierte Zahl von zwei Dritteln stammt, mit den Einschränkungen der Idealbedingungen.
- Ashar et al., JAMA Psychiatry 2025 (Fünf-Jahres-Verlauf) : Nachuntersuchung derselben Gruppe nach fünf Jahren, mit den Vergleichsgruppen.
- Ashar et al., Kongressbeitrag der United States Association for the Study of Pain 2026: Vergleich mit klassischer Schmerzpsychotherapie, Herkunft der Zahl von etwa einem Viertel. Bislang keine Volltextpublikation.
- Yarns et al., JAMA Network Open 2024 : Studie zu einem verwandten, emotionsbezogenen Verfahren, das der klassischen Schmerzpsychotherapie bei der Schmerzreduktion ebenfalls überlegen war.
Hinweis: Diese Seite dient der medizinischen Orientierung und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnostik oder Behandlung.