Bilanz auf drei Achsen
Die naheliegende Frage, mit der man in so ein Vorgehen hineingeht, lautet: Wird es weniger weh tun? Diese Frage ist berechtigt und für eine Bilanz zu schmal.
Drei Achsen statt einer Zahl
Brauchbar ist der Blick auf drei Achsen. Die erste ist die Schmerzstärke. Die zweite ist die Beeinträchtigung, also das, was Sie wieder tun können. Die dritte ist die Angst, also wie viel Sorge Ihnen der Schmerz noch macht. Diese drei bewegen sich unterschiedlich schnell. Nach klinischem Eindruck kommt oft die dritte zuerst, dann die zweite, und die erste zuletzt oder gar nicht. Eine feste Reihenfolge ist das nicht, und belegt ist sie auch nicht.
Woran Sie das bei sich festmachen können, ist unspektakulär. Denken Sie an einen Moment, in dem der Schmerz plötzlich stärker wurde: Was ist da innerlich passiert, verglichen mit dem Zustand vor einigen Monaten? Und schauen Sie auf Ihre Liste der gemiedenen Dinge : Wie viele Stufen sind Sie gegangen, und was gehört wieder zum Alltag? Diese beiden Achsen können übersehen werden, wenn nur die Zahl auf der Schmerzskala zählt.
Was Sie realistisch erwarten dürfen
Im Vergleich mit einer klassischen Schmerzpsychotherapie wurde nach bisherigem Stand etwa jeder Vierte nahezu schmerzfrei, unter der Vergleichstherapie praktisch niemand. Diese Studie stammt aus derselben Forschungsgruppe wie die erste, eine unabhängige Wiederholung fehlt. Vorgestellt wurde sie bisher nur auf einem Fachkongress; eine vollständige Veröffentlichung liegt, Stand Oktober 2026, noch nicht vor. Die Zahl ist deshalb ein vorläufiges Signal und keine Vorhersage für Sie selbst, und selbst die Größenordnung steht unter Vorbehalt, bis die Arbeit vollständig vorliegt. Mehr dazu unter Was die Studien zeigen . Lesen Sie die Zahl auch in die andere Richtung: Bei etwa drei Vierteln blieb Schmerz vorhanden. Im Mittel verbesserten sich in den Studien auch die Bewegungsangst und die Beeinträchtigung im Alltag.
Wenn Sie auf der Schmerzskala wenig sehen und auf den anderen beiden Achsen etwas, ist das kein Scheitern. Ein Schmerz von fünf, mit dem Sie alles tun, ist etwas anderes als ein Schmerz von fünf, der den Tag bestimmt. Das ist keine Trostformel, sondern der Unterschied, der im Alltag zählt.
Wann es Zeit ist, die Richtung zu wechseln
Wenn sich gar nichts bewegt, ist das kein Grund, immer weiterzumachen. Ein vernünftiger Zeitrahmen sind vier bis sechs Gespräche über sechs bis acht Wochen; das ist eine ärztliche Einschätzung, kein Studienergebnis. Bleiben danach Schmerz, Beeinträchtigung und Angst unverändert, wird nicht verlängert, sondern ein anderer Weg gewählt.
Dass ein Verfahren bei jemandem nicht greift, sagt nichts über den Menschen und nichts darüber, ob ein anderes greift.
Was Sie damit anfangen können
Für sich allein. In den Studien war die Übung Teil einer Behandlung mit Therapeuten. Ob sie ohne therapeutische Begleitung wirkt, ist nicht belegt. Wer sie trotzdem ausprobieren möchte, hält sich an die Regeln in Hinsehen ohne Angst ; wer allein nicht weiterkommt, findet in der Hausarztpraxis einen guten ersten Ansprechpartner. Das Behandlungsprotokoll ist frei zugänglich, allerdings auf Englisch. Auf Deutsch beschreibt der Entwickler das Vorgehen in Buchform (Alan Gordon, Alon Ziv: „Wege aus dem Schmerz"). Eine deutschsprachige Übersichtsarbeit für Interessierte mit medizinischem Vorwissen ist frei verfügbar (siehe Quellen ).
Mit Begleitung. In Deutschland gibt es das Verfahren kaum als vollständige Behandlung; es existieren nur einzelne geschulte Behandler, keine Leitlinienverankerung, und die vollständige Behandlung ist keine Kassenleistung. Einzelne Bausteine lassen sich aber in ärztliche Gespräche einbauen, und im Rahmen der psychosomatischen Grundversorgung ist das abrechenbar. Sprechen Sie Ihren Schmerzmediziner oder Hausarzt darauf an.
Verwandte und etablierte Wege. Deutlich besser verfügbar als dieser Ansatz ist die psychologische Schmerztherapie, meist als Verhaltenstherapie; für die Akzeptanz- und Commitment-Therapie gibt es eine digitale Gesundheitsanwendung auf Rezept. Achtsamkeitsbasierte Programme haben bei der Schmerzstärke belegte Effekte und sind flächendeckend verfügbar. Bei starker Beeinträchtigung kommt die multimodale Schmerztherapie infrage, die abgestimmte Kombination aus ärztlicher, psychologischer und bewegungstherapeutischer Behandlung. Eine Schmerzpsychotherapie mit Schwerpunkt auf Emotionsverarbeitung setzt an einem ähnlichen Modell an wie der hier beschriebene Ansatz; ob sie in Ihrer Nähe angeboten wird, lässt sich bei der Suche nach einem Therapieplatz erfragen.
Keiner dieser Wege ist ein Notbehelf. Weil die etablierten unter ihnen verfügbar und geprüft sind, liegt es nahe, zunächst einen davon zu wählen.
Nach dem üblichen Weg fragen
Dass etwas nicht für jeden passt, heißt nicht, dass jeder etwas anderes bekommt. Eine Behandlung wird nicht dadurch individuell, dass niemand sagen kann, woran sie sich orientiert. Sie wird individuell, wenn es einen üblichen Weg gibt und jemand begründet, warum bei Ihnen davon abgewichen wird.
Fragen Sie deshalb nicht nur, was vorgeschlagen wird, sondern auch, was das übliche Vorgehen bei Ihrer Beschwerde wäre und warum in Ihrem Fall etwas anderes sinnvoll ist. Auf beide Fragen sollte es eine Antwort geben.
Hinweis: Diese Seite dient der medizinischen Orientierung und ersetzt keine individuelle ärztliche oder psychotherapeutische Beratung, Diagnostik oder Behandlung.