Wenn das Steißbein beim Sitzen schmerzt

Schmerz genau über dem Steißbein, der beim Sitzen zunimmt und beim Aufstehen besonders sticht, wird als Coccygodynie bezeichnet. Diese Seite ordnet ein, was dahintersteckt, was die aktive Behandlung leistet und wann Spritzen oder in seltenen Fällen eine Operation infrage kommen.

Was dahintersteckt

Ärzte unterscheiden eine primäre von einer sekundären Coccygodynie. Bei der primären Form ist keine andere Erkrankung erkennbar; sie entsteht meist über eine veränderte Beweglichkeit des Steißbeins selbst oder über eine verspannte Beckenbodenmuskulatur, die direkt am Steißbein ansetzt und daran zieht. Eine sekundäre Coccygodynie hat eine fassbare Ursache wie einen Bruch, eine Knochenentzündung oder, selten, einen Tumor; danach sucht die ärztliche Untersuchung gezielt.

Die veränderte Beweglichkeit des Steißbeins und die verspannte Beckenbodenmuskulatur treten weitgehend unabhängig voneinander auf. In einer Untersuchungsserie fanden sich bei fast allen Betroffenen verspannte Triggerpunkte im Beckenboden, aber nur bei jedem Zehnten eine auffällige Beweglichkeit des Steißbeins selbst. Für die Behandlung heißt das: Beide Ursachen werden getrennt betrachtet, nicht automatisch gemeinsam angenommen.

Ein häufig vermuteter Zusammenhang mit dem Iliosakralgelenk ist eher Folge der schmerzbedingten Schonhaltung als eine eigenständige Ursache. Ein begleitender ISG-Befund verdient deshalb eine zurückhaltende Einordnung, siehe auch die Seite zum ISG-Syndrom .

Wie häufig das ist

Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer, in den größeren Untersuchungen mit einem Anteil von drei Vierteln bis knapp neun Zehnteln. Der Häufigkeitsgipfel liegt zwischen dem dritten und fünften Lebensjahrzehnt. Übergewicht erhöht das Risiko spürbar, vermutlich weil eine veränderte Sitzposition das Steißbein anders belastet. Auch ein rascher Gewichtsverlust kann die schützende Polsterung im Gesäß verringern und so das Risiko erhöhen.

Was die Untersuchung zeigt

Wegweisend ist bereits die Beschreibung: ein sehr punktueller Schmerz genau über dem Steißbein, der sich im Sitzen, beim Aufstehen und häufig auch beim Stuhlgang oder beim Geschlechtsverkehr verstärkt. Typisch ist, dass sich die schmerzhafte Stelle mit einem Finger genau zeigen lässt. Sitzt der Schmerz seitlich statt genau mittig, sprechen die Befunde eher für eine andere Ursache in der Nachbarschaft, etwa eine Analfissur, Hämorrhoiden oder eine Reizung des Piriformis-Muskels.

Bei anhaltenden Beschwerden oder Verdacht auf eine bewegliche Ursache wird das Steißbein per Röntgen im Sitzen und im Stehen im Vergleich aufgenommen. Diese Aufnahme kann eine übermäßige oder auch eine fehlende Beweglichkeit sichtbar machen, wobei die Grenzwerte zwischen normal und auffällig in der Literatur nicht einheitlich festgelegt sind. Eine Kernspintomografie kommt zum Einsatz, wenn Warnzeichen vorliegen oder die Diagnose unklar bleibt.

Was wirklich hilft

Am Anfang jeder Behandlung steht die Entlastung beim Sitzen. Ein keil- oder U-förmiges Kissen ist einem klassischen Ring-Kissen vorzuziehen, weil der hintere Rand eines Ringkissens selbst auf das Steißbein drückt. Ergänzend hilft es, Tätigkeiten zu meiden oder zu reduzieren, die den Schmerz gezielt auslösen, etwa Radfahren, Motorradfahren, Reiten oder Sit-ups; wer überwiegend sitzend arbeitet, kann zeitweise auf einen Stehschreibtisch ausweichen. Kurzfristig helfen entzündungshemmende Schmerzmittel zum Einnehmen, auch wenn eigene Studien dazu speziell für die Coccygodynie fehlen. Entzündungshemmende Gele zum Auftragen sind eine Alternative, allerdings ist die Stelle am Steißbein für eine Anwendung im Alltag ungünstig gelegen.

Ist eine verspannte Beckenbodenmuskulatur nachgewiesen, zielt die Physiotherapie auf Entspannung dieser Muskulatur (Downtraining) statt auf Kräftigung. Kegel-Übungen, die den Beckenboden trainieren und anspannen, sind hier der falsche Weg: Sie verstärken den Zug am Steißbein und können die Beschwerden verschlimmern. Eine unkontrollierte Untersuchungsserie mit Haltungsschulung, Atemtraining und gezielter Dehnung fand eine deutliche Schmerzabnahme; belastbarere kontrollierte Studien dazu stehen noch aus.

Wie gut die aktive Behandlung insgesamt anschlägt, hängt stark davon ab, wie lange nachbeobachtet wird. Kurzfristige Erhebungen berichten Erfolgsraten um 90 Prozent. Die einzige Untersuchung mit drei Jahren Nachbeobachtung kam dagegen nur bei knapp der Hälfte der Betroffenen auf ein weitgehend beschwerdefreies Ergebnis. Realistisch ist deshalb: Viele Verläufe bessern sich deutlich, ein relevanter Teil bleibt über längere Zeit beeinträchtigt.

Wenn das nicht ausreicht: Spritzen und Operation

Bessert sich der Schmerz über mehrere Wochen konservativer Behandlung nicht ausreichend, kommen gezielte Injektionen infrage. Eine Kortison-Spritze an das Steißbein-Kreuzbein-Gelenk wirkt bei einem Teil der Betroffenen, mit besserem Ansprechen bei kürzerer Beschwerdedauer. Eine Blockade des sogenannten Ganglion-Impar, eines Nervengeflechts vor dem untersten Wirbelabschnitt, zeigt in Übersichtsarbeiten eine anhaltende Schmerzlinderung bei niedrigem Komplikationsrisiko. Die zugrundeliegenden Studien sind allerdings überwiegend klein, sodass die Sicherheit dieser Aussage nach den international gebräuchlichen Bewertungskriterien als gering eingestuft wird. Im direkten Vergleich mit einer Spritze in den unteren Wirbelkanal (kaudale Epiduralinjektion) war der Ganglion-Impar-Block nach drei Wochen überlegen; nach drei Monaten unterschieden sich beide Verfahren nicht mehr voneinander.

Bringen wiederholte Steroid- und Ganglion-Impar-Injektionen keine ausreichende Linderung, kommt als weitere Stufe eine gezielte Nervenverödung (Radiofrequenz- oder chemische Ablation) infrage. Ihr geht üblicherweise eine Testinjektion mit einem Betäubungsmittel voraus: Lindert sie den Schmerz deutlich, spricht das für einen guten Ansprech-Effekt der Verödung an derselben Stelle.

Die operative Entfernung des Steißbeins (Coccygektomie) bleibt einzelnen Fällen vorbehalten, bei denen konservative und interventionelle Behandlung, einschließlich Nervenverödung, über sechs bis zwölf Monate ausgeschöpft sind und eine bewegliche oder umschriebene Ursache nachgewiesen ist. Berichtete Erfolgsraten liegen bei acht bis neun von zehn Behandelten, das Infektionsrisiko ist mit modernen Techniken deutlich gesunken. Eine unvollständige statt vollständige Entfernung des Steißbeins schneidet in den vorliegenden Fallserien schlechter ab. Auch nach der Operation bleiben bei einem Teil der Behandelten Beschwerden bestehen, sodass gelegentlich eine weitere Behandlung nötig wird.

Wann ärztlich abklären

  • Fieber, Nachtschweiß oder ungewollter Gewichtsverlust zusammen mit dem Steißbeinschmerz
  • eitriges Sekret aus der Region
  • eine tastbare Raumforderung oder Blutung ab dem Enddarm
  • Schmerz, der deutlich seitlich statt genau über dem Steißbein sitzt

Zusammenfassung

Coccygodynie ist ein gut abgrenzbares Beschwerdebild mit meist harmlosen, aber hartnäckigen Ursachen: einer veränderten Beweglichkeit des Steißbeins, einer verspannten Beckenbodenmuskulatur oder beidem unabhängig voneinander. Die Behandlung beginnt mit Sitzentlastung und, bei nachgewiesener Verspannung, gezielter Entspannung statt Kräftigung des Beckenbodens. Spritzen wie der Ganglion-Impar-Block helfen einem Teil der Betroffenen zumindest vorübergehend, eine Operation bleibt hartnäckigen Einzelfällen vorbehalten. Wer nach einigen Wochen keine Besserung bemerkt, sollte das ärztlich abklären lassen, insbesondere bei seitlich statt genau mittig sitzendem Schmerz.

Weiterführende Quellen

Systematische Übersichten und Schlüsselstudien

Hinweis: Diese Seite dient der medizinischen Orientierung und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnostik oder Behandlung. Injektionen und eine mögliche Operation gehören in die Hand einer schmerzmedizinischen oder orthopädischen Praxis; diese Seite ersetzt diese Abklärung nicht.