Fibromyalgie zeigt sich mit ausgedehnten Schmerzen, mit Erschöpfung und mit einem Schlaf, der nicht erholt. Auffällig ist, dass die Beschwerden nicht gleichmäßig verlaufen. In belastenden Lebensphasen werden sie bei vielen Betroffenen stärker, in ruhigeren Zeiten lassen sie eher nach. Dieser Zusammenhang mit Stress ist kein Zufall. Er führt zu einer Frage, die für das Verständnis der Fibromyalgie zentral ist: Was geschieht bei Stress im Nervensystem, und warum reagiert es bei dieser Erkrankung so empfindlich darauf? Die Antwort hilft auch zu verstehen, warum bestimmte Behandlungswege wirken und andere ins Leere laufen.
Das Alarmsystem des Körpers
Stress hat einen schlechten Ruf. Zunächst ist er aber eine sinnvolle Einrichtung. Der Körper besitzt ein Alarmsystem, das auf Belastung und Anforderung reagiert. Es nutzt zwei Wege.
Der erste Weg ist schnell. Er läuft über das vegetative Nervensystem, den Teil des Nervensystems, der unbewusst Herzschlag, Atmung und Verdauung steuert. Über ihn wird der Körper innerhalb von Sekunden in Bereitschaft versetzt. Der Herzschlag steigt, die Muskeln spannen sich an, die Aufmerksamkeit schärft sich.
Der zweite Weg ist langsamer. Er nutzt eine Kette von Hormonen, die Fachleute als Stressachse bezeichnen. Über sie schüttet der Körper das Hormon Cortisol aus, das die Energiebereitstellung über Minuten und Stunden aufrechthält.
Beide Wege sind kurzfristig hilfreich. Sie bereiten den Körper darauf vor, eine Belastung zu bewältigen. Genauso wichtig ist der Schritt danach. Ist die Belastung vorbei, soll das System wieder herunterfahren. Der Alarm schaltet sich ab, der Körper kehrt in einen Ruhezustand zurück.
Wenn der Alarm nicht abschaltet
An diesem Punkt liegt bei der Fibromyalgie eine Besonderheit. Mehrere Beobachtungen sprechen dafür, dass das Stresssystem bei einem Teil der Betroffenen nicht zuverlässig in den Ruhezustand zurückkehrt.
In vielen Untersuchungen finden sich Hinweise auf eine veränderte Regulation der Stressachse. Die Cortisol-Ausschüttung folgt dann nicht mehr dem normalen Tagesrhythmus. Diese Befunde sind allerdings nicht in allen Studien einheitlich, ein einzelnes klares Muster lässt sich daraus nicht ableiten.
Auch das vegetative Nervensystem zeigt Auffälligkeiten. Misst man die natürliche Schwankung des Herzschlags von Schlag zu Schlag, ist diese bei einem Teil der Betroffenen verringert. Das deutet darauf hin, dass der aktivierende Anteil des Nervensystems häufiger die Oberhand hat als der beruhigende. Dazu passt, dass viele Betroffene über innere Unruhe und nicht erholsamen Schlaf berichten.
Ein hilfreiches Bild für diese Beobachtungen ist ein Alarmsystem, das nicht mehr richtig abschaltet. Der Körper bleibt in einer Art Dauerbereitschaft, auch wenn keine akute Belastung mehr besteht.
Stress, Schmerz und ein Kreislauf
Dieser Daueralarm hat Folgen für den Schmerz. Bei der Fibromyalgie ist die Schmerzverarbeitung im zentralen Nervensystem verändert. Fachleute sprechen von zentraler Sensibilisierung: Das Nervensystem verarbeitet Signale aus dem Körper verstärkt, so als wäre die Lautstärke dauerhaft hochgedreht. Reize, die normalerweise nicht wehtun, können dann als schmerzhaft empfunden werden.
Stress und Schmerz verstärken sich dabei gegenseitig. Anhaltende Belastung hält das Nervensystem in Aktivierung. Und der Schmerz selbst ist eine Belastung, die das System zusätzlich unter Spannung setzt. So kann ein Kreislauf entstehen, in dem sich beides hochschaukelt und der sich nur schwer von allein durchbricht. Schlechter Schlaf wirkt in dieselbe Richtung, denn er senkt die körpereigene Schmerzhemmung und hält die Anspannung aufrecht.
Stress ist ein Faktor, nicht die ganze Geschichte
Aus all dem könnte der Eindruck entstehen, Fibromyalgie sei eine reine Stresserkrankung. Dieser Schluss wäre zu einfach.
Die Fibromyalgie entsteht aus dem Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Eine genetische Veranlagung gehört dazu, ebenso Schlafstörungen, die veränderte Schmerzverarbeitung und körperliche Begleiterkrankungen. Stress ist einer dieser Faktoren, nicht der einzige. Belastende Lebensereignisse, länger andauernde Überlastung und auch schwere Belastungen in der Kindheit sind als Risikofaktoren beschrieben. Sie führen nicht zwangsläufig zu einer Fibromyalgie, und ihr Fehlen schließt die Erkrankung nicht aus.
Wichtig ist eine zweite Klarstellung. Dass Stress eine Rolle spielt, bedeutet nicht, dass die Beschwerden eingebildet wären oder dass die Betroffenen selbst schuld hätten. Der Daueralarm im Nervensystem ist ein körperlicher Vorgang. Die Schmerzen sind real, auch wenn sich in einem Röntgenbild oder in Blutwerten keine Ursache zeigt.
Was das für die Behandlung bedeutet
Diese Einordnung ist mehr als eine Feinheit. Sie verändert die Richtung der Behandlung. Wenn das Nervensystem in Daueraktivierung ist, geht es nicht in erster Linie darum, einen geschädigten Körperteil zu reparieren. Es geht darum, dem System zu helfen, wieder herunterzufahren.
Daraus erklärt sich, warum bestimmte Bausteine in der Behandlung der Fibromyalgie einen so festen Platz haben. Regelmäßige, dosierte Bewegung gehört dazu: Über Wochen wächst die Belastbarkeit, und das Nervensystem lernt, dass Alltagsbelastung nicht bedrohlich ist. Ein geschützter, möglichst regelmäßiger Schlaf nimmt Druck aus dem Kreislauf. Und Methoden zur Stressregulation, etwa ruhige Atmung oder feste Pausen im Tagesablauf, setzen direkt an dem überaktiven vegetativen Nervensystem an.
Keine dieser Maßnahmen wirkt sofort, und keine wirkt allein. Sie verlangen Geduld, und Rückschläge gehören dazu. Gemeinsam und über die Zeit können sie aber dazu beitragen, dass das Nervensystem die Daueraktivierung Stück für Stück verlässt. Das ist ein realistisches Ziel, auch wenn der Weg dorthin selten gradlinig verläuft.
Zusammenfassung
Bei Fibromyalgie kehrt das Stresssystem oft nicht zuverlässig in den Ruhezustand zurück, und Stress und Schmerz schaukeln sich in einem Kreislauf gegenseitig hoch. Stress ist dabei ein Verstärkungs- und Risikofaktor unter mehreren, nicht die alleinige Ursache und kein Zeichen eigener Schuld. Für die Behandlung heißt das: Nicht ein geschädigtes Körperteil steht im Mittelpunkt, sondern die Frage, wie das überaktive Nervensystem wieder herunterfahren kann. Bewegung, Schlaf und Stressregulation setzen genau dort an.
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- Eine kurze Podcast-Einordnung zum Thema findet sich im Podcast „Dem Schmerz gewachsen" (Folge S02E21).
Weiterführende Quellen
Deutschsprachige Leitlinien
- AWMF-S3-Leitlinie Fibromyalgiesyndrom : federführend von der Deutschen Schmerzgesellschaft erstellte Leitlinie zu Diagnose und Therapie, mit eigener Patientenversion.
Internationale Leitlinien
- EULAR-Empfehlungen zum Management der Fibromyalgie (Macfarlane et al. 2017) : europäische Empfehlungen, die nicht-medikamentöse Maßnahmen an den Anfang der Behandlung stellen.
Übersichtsarbeiten
- Fibromyalgia (Häuser et al., Nature Reviews Disease Primers 2015) : umfassende Übersicht zu Entstehung, Mechanismen und Behandlung, einschließlich der Rolle von Stress und Stressregulation.
Hinweis: Diese Seite dient der medizinischen Orientierung und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnostik oder Behandlung.