Wenn Erschöpfung nach Belastung schlimmer wird
Manche Menschen erholen sich nach einem Infekt nicht mehr. Sie bleiben erschöpft, und jede Anstrengung verschlechtert den Zustand, oft erst am nächsten Tag. Für dieses Bild steht die Abkürzung ME/CFS: Myalgische Enzephalomyelitis beziehungsweise Chronisches Fatigue-Syndrom. Seit der Corona-Pandemie tritt es häufiger auf, weil ein Teil der Menschen mit Long COVID im Verlauf ein solches Vollbild entwickelt.
Was ME/CFS ist
ME/CFS ist eine eigenständige Erkrankung, kein bloßes Müdesein und keine schwere Form von Erschöpfung. Betroffen sind mehrere Körpersysteme: das Immunsystem, das vegetative Nervensystem, die Kreislaufregulation und der Energiestoffwechsel. In Studien finden sich dazu messbare Auffälligkeiten. Sie sind aber uneinheitlich, und ein einzelner Test, der die Diagnose beweist, existiert bislang nicht. Die Weltgesundheitsorganisation führt ME/CFS als neurologische Erkrankung.
Das bedeutet auch: Die Diagnose wird aus dem klinischen Gesamtbild gestellt, nicht aus einem Laborwert. Blutuntersuchungen dienen vor allem dazu, andere Ursachen der Erschöpfung auszuschließen.
Das Leitsymptom: Verschlechterung nach Belastung
Das wichtigste Merkmal trägt den Namen Post-Exertional Malaise, kurz PEM . Gemeint ist eine Verschlechterung der Beschwerden nach einer Belastung, die früher problemlos war. Vier Eigenschaften kennzeichnen sie: Sie setzt oft verzögert ein, erst Stunden später oder am Folgetag. Sie hält lange an, manchmal Tage. Sie ist unverhältnismäßig zur Auslösung. Und meist verschlechtern sich mehrere Beschwerden gleichzeitig, etwa Erschöpfung, Konzentration, Schmerzen und Schlaf.
Auslöser kann körperliche, geistige, emotionale oder sensorische Belastung sein, ebenso langes Stehen. PEM ist das entscheidende Merkmal, das ME/CFS von gewöhnlicher Erschöpfung, von einer Depression oder von einer vorübergehenden Erschöpfung nach einem Infekt abgrenzt. Eine feste Mindestdauer, wie die manchmal genannten 14 Stunden, ist dabei kein verbindliches Kriterium, sondern stammt aus einem Forschungsfragebogen.
Long COVID und der Übergang zu ME/CFS
Long COVID ist der Oberbegriff für Beschwerden, die nach einer Coronainfektion fortbestehen oder neu auftreten. Ein Teil dieser Menschen erfüllt im Verlauf die Kriterien für ein vollständiges ME/CFS. Wie groß dieser Anteil ist, lässt sich nicht sicher beziffern, weil die Angaben je nach Definition und untersuchter Gruppe stark schwanken. Belegt ist: Eine Coronainfektion kann ein Bild auslösen, das einem klassischen ME/CFS entspricht. Wichtig ist deshalb, bei anhaltender Erschöpfung mit Belastungsverschlechterung nach COVID-19 gezielt an ME/CFS zu denken.
Was hilft, was nicht
Eine Behandlung, die die Ursache beseitigt, gibt es bisher nicht. Im Vordergrund steht deshalb, die Belastung an die verringerte Belastbarkeit anzupassen und Begleitprobleme gezielt zu behandeln.
Der wichtigste Baustein ist das Energiemanagement, Pacing genannt. Bei ME/CFS bedeutet Pacing, innerhalb der eigenen Energiegrenzen zu bleiben, um eine Verschlechterung zu vermeiden. Das unterscheidet sich vom Pacing bei chronischem Schmerz, bei dem eine schrittweise Steigerung das Ziel ist. Pacing heilt die Erkrankung nicht, aber es hilft, Zusammenbrüche zu vermeiden.
Gut behandelbar sind häufige Begleitprobleme: Kreislaufstörungen beim Aufrichten wie das POTS , Schlafstörungen und Schmerzen. Hier gibt es etablierte Ansätze, die spürbar entlasten können.
Nicht empfohlen ist ein Trainingsprogramm mit fest vorgegebener Steigerung, das die Belastung unabhängig von der Tagesform erhöht. Die britische Leitlinie rät davon ausdrücklich ab, weil es den Verlauf verschlechtern kann.
Neue Therapien: nüchtern betrachtet
Rund um ME/CFS und Long COVID werden mehrere experimentelle Verfahren erprobt. Eine ehrliche Einordnung ist hier wichtiger als Hoffnung.
Die Immunadsorption, ein Verfahren zur Entfernung bestimmter Antikörper aus dem Blut, galt zeitweise als aussichtsreich. Eine sorgfältig angelegte Studie mit Scheinbehandlung als Vergleich fand jedoch keinen Vorteil gegenüber der Scheinbehandlung. Als wirksam gilt sie damit nicht.
Für niedrig dosiertes Naltrexon, ein Medikament, das im Rahmen von Einzelfallentscheidungen eingesetzt wird, gibt es bislang nur kleine Beobachtungsstudien mit unsicherer Aussagekraft. Auch weitere Ansätze wie das Aptamer BC007 haben in größeren Studien keinen belegten Nutzen gezeigt. Solche Verfahren sind Gegenstand der Forschung, kein Standard, und gehören ausschließlich in ein ärztliches Gespräch, nicht in die Selbstbehandlung.
Wann ärztlich abklären
Anhaltende Erschöpfung über mehr als sechs Monate mit Verschlechterung nach Belastung sollte ärztlich eingeordnet werden. Das gilt besonders nach einer Coronainfektion. Wichtig ist eine Abklärung, die andere Ursachen prüft und Kreislauf- und Schlafprobleme mitbedenkt, bevor die Beschwerden vorschnell als rein psychisch eingeordnet werden.
Zusammenfassung
ME/CFS ist eine eigenständige Erkrankung mit der Verschlechterung nach Belastung als Kernmerkmal, ohne beweisenden Test und ohne ursächliche Therapie. Long COVID kann ein solches Bild auslösen. Der tragfähigste Umgang ist Pacing kombiniert mit der gezielten Behandlung von Kreislauf, Schlaf und Schmerz; experimentelle Verfahren sind bislang nicht als wirksam belegt.
Hinweis: Diese Seite dient der medizinischen Orientierung und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnostik oder Behandlung.