Wenn der Daumen am Handgelenk weh tut
Ein lokal umschriebener Schmerz am Daumen-seitigen Handgelenk, der bei jedem Heben eines Säuglings aufflammt, beim Wringen eines Tuchs oder beim Tragen einer vollen Pfanne am Stiel: das ist das typische Bild der Tendovaginitis de Quervain. Sie ist eine der häufigsten Erkrankungen der Hand und tritt klassisch in der Schwangerschaft, postpartal und bei intensiver Säuglingsbetreuung auf. Die historischen Bezeichnungen „Hausfrauendaumen" und „Mother’s thumb" verweisen genau auf diese Auslöser.
Was es eigentlich ist
Am Daumen-seitigen Handgelenk verläuft das erste von sechs Strecksehnenfächern. Es enthält die Sehnen zweier kleiner Daumenmuskeln, die für das Abspreizen und Strecken des Daumens zuständig sind. Diese Sehnen sind von einer Sehnenscheide umgeben, in der sie unter dem darüberliegenden Halteband gleiten. Bei der Tendovaginitis de Quervain ist diese Sehnenscheidenwand verdickt, sodass der Gleitkanal zu eng wird und die Sehnen schmerzhaft anschlagen. Trotz der Endung „-itis" handelt es sich nicht primär um eine klassische Entzündung, sondern überwiegend um einen bindegewebigen Umbauprozess der Sehnenscheidenwand.
Eine anatomische Besonderheit hat therapeutische Bedeutung: bei einem relevanten Anteil der Menschen ist das erste Strecksehnenfach durch eine dünne Wand in zwei getrennte Kammern unterteilt. Eine gezielte Spritze muss in solchen Fällen beide Kammern erreichen, sonst bleibt die Behandlung unvollständig. Ultraschallführung hilft, das sicherzustellen.
Wer betroffen ist
Die Tendovaginitis de Quervain betrifft Frauen häufiger als Männer, etwa im Verhältnis vier bis sechs zu eins. Eine deutliche Häufung tritt in der Schwangerschaft und in den Monaten nach der Geburt auf; mehrere Faktoren wirken hier zusammen: hormonell bedingte Veränderungen des Bindegewebes, Wassereinlagerung und vor allem die intensive repetitive Daumen- und Handbelastung beim Halten, Hochheben und Wickeln eines Säuglings.
Weitere Risikogruppen sind Menschen mit repetitiver Daumen-Hand-Tätigkeit in handwerklichen oder pflegerischen Berufen, intensive Tastatur- und Smartphone-Nutzung sowie Patienten mit Diabetes mellitus, Schilddrüsenunterfunktion oder einer entzündlich-rheumatischen Grunderkrankung. Der Altersgipfel liegt zwischen 35 und 55 Jahren.
Wie sich’s zeigt
Leitsymptom ist ein umschriebener Schmerz über dem Daumen-seitigen Handgelenksvorsprung mit Druckschmerz an dieser Stelle. Der Schmerz verstärkt sich bei Daumenbewegungen und bei einer Bewegung des Handgelenks zur Kleinfingerseite. Häufig ist eine umschriebene Schwellung an der gleichen Stelle tastbar.
Diagnostisch wegweisend ist ein einfacher Provokationstest: der Daumen wird in die Faust eingeschlossen, dann wird das Handgelenk zur Kleinfingerseite gekippt. Schmerzen über dem ersten Strecksehnenfach gelten als typisches Zeichen. Dieser Test wird im klinischen Alltag häufig „Finkelstein-Test" genannt, ist anatomisch korrekt eigentlich der „Eichhoff-Test"; die Begriffsverwechslung hat sich eingebürgert. Der Test kann falsch positiv ausfallen und sollte mit dem Druckschmerz an der Sehne abgeglichen werden.
Ultraschall kann eine Verdickung der Sehnenscheidenwand und ein vorhandenes Subkompartiment darstellen und ist für eine gezielte Spritze hilfreich. Ein MRT oder Röntgenbild sind nur bei unklaren Befunden oder zur Differenzialdiagnose erforderlich.
Wichtige Differenzialdiagnosen sind eine Daumen-Sattelgelenksarthrose (Rhizarthrose; Schmerz tiefer in der Hand, an der Daumenwurzel zur Handfläche hin), ein Intersection-Syndrom (Schmerz und Krepitation am Unterarm, etwa eine Handbreit oberhalb des Handgelenks), eine sensible Reizung des oberflächlichen Radialnervs (Wartenberg-Syndrom; brennend-elektrisierende Qualität) und eine Skaphoid-Pathologie (Schmerz bei axialem Daumendruck).
Was die Behandlung trägt
Die Erstlinie ist eine Kortikoid-Spritze in das erste Strecksehnenfach, kombiniert mit einer Daumen-Hand-Schiene über drei bis vier Wochen. Diese Kombination hat eine solide Studienlage: eine umfassende Übersicht mit Meta-Analyse hat gezeigt, dass die Spritze einer reinen Ruhigstellung deutlich überlegen ist und in etwa zwei Dritteln der Fälle zum dauerhaften Erfolg führt; die Kombination beider Maßnahmen ist beiden Einzelschritten überlegen.
Anders als bei den meisten Tendinopathien ist die Kortikoid-Spritze hier also nicht kritisch, sondern die belegte Erstlinie. Das liegt am unterschiedlichen Mechanismus: bei der de Quervain ist die Sehnenscheidenwand das Problem, nicht der Sehnenkern, und die Spritze wirkt direkt auf das gereizte Bindegewebe. Bei vorhandenem zweiten Subkompartiment ist die ultraschallgeführte Injektion besser als eine rein anatomisch gesetzte Spritze, weil sie sicherstellt, dass beide Kammern erreicht werden. Mehr als zwei Spritzen sind zu vermeiden, weil sie das Risiko einer Verdünnung der Sehne und der darüberliegenden Haut erhöhen.
Die Daumen-Hand-Schiene wird in funktioneller Stellung angepasst und über drei bis vier Wochen häufig getragen, mit gezielten Pausen für Pflege und sanfte Bewegung. Eine längere Ruhigstellung ist nicht sinnvoll und kann die Beweglichkeit der Daumengelenke beeinträchtigen.
Begleitend werden auslösende Belastungen modifiziert: Säuglinge in unterstützenden Tragepositionen halten, am Smartphone bewusst die Daumen-Häufigkeit reduzieren, am Arbeitsplatz die Greif- und Drehbelastungen begutachten. Topische Schmerzmittel (Diclofenac- oder Ibuprofen-Gel) können in der akuten Phase ergänzen.
Ein klassisches Krafttraining wie bei Tendinopathien ist hier nicht das richtige Werkzeug, weil die Erkrankung nicht durch eine fehlgesteuerte Sehnenanpassung entsteht, sondern durch ein mechanisches Engpassproblem in der Sehnenscheide. Sanfte Beweglichkeitsübungen der Daumengelenke nach der Akutphase sind sinnvoll, eine progressive Krafttherapie nicht.
Bei einem über drei bis sechs Monate trotz adäquater Spritzen und Schiene nicht ausreichend besserten Verlauf ist die operative Spaltung des ersten Strecksehnenfachs indiziert. Sie ist ein gut etablierter, prognostisch günstiger Eingriff. Intraoperativ wird auf das eventuell vorhandene Subkompartiment und auf die Schonung des oberflächlichen Radialnervs geachtet.
Wann ärztlich abklären
- bei begleitenden brennend-elektrisierenden Schmerzen am Daumen-seitigen Unterarm (möglicher Hinweis auf eine Reizung des oberflächlichen Radialnervs)
- bei tiefem Schmerz am Daumengrund mit Schmerz beim axialen Druck auf den Daumen (möglicher Hinweis auf eine Daumen-Sattelgelenksarthrose)
- bei plötzlicher Schwellung, Rötung und starkem Schmerz nach einer Verletzung an der Hand (möglicher Hinweis auf eine infektiöse Sehnenscheidenentzündung, dringlich)
- bei ausbleibender Besserung trotz adäquater Behandlung über drei bis sechs Monate
Zusammenfassung
Die Tendovaginitis de Quervain ist eine Engpass-Sehnenscheidenentzündung am Daumen-seitigen Handgelenk, klassisch in der Schwangerschaft, postpartal und bei intensiver Säuglingsbetreuung. Die Diagnose ist klinisch, der Eichhoff-Test (oft als Finkelstein bezeichnet) ist der wichtigste Provokationstest. Erstlinie ist eine Kortikoid-Spritze in das erste Strecksehnenfach kombiniert mit einer Daumen-Hand-Schiene über drei bis vier Wochen; die Studienlage ist solide. Ultraschallführung ist bei vorhandenem Subkompartiment hilfreich. Mehr als zwei Spritzen sollten vermieden werden. Bei refraktären Verläufen ist die operative Spaltung des ersten Strecksehnenfachs etabliert.
Weiterführende Quellen
Systematische Übersichten und Schlüsselstudien
- Kortikoid-Injektion gegen Immobilisation bei de Quervain (Çevik et al. 2024) : systematische Übersicht mit Meta-Analyse zur konservativen Behandlung, mit klarer Überlegenheit der Spritze und der Kombinationstherapie.
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