Wenn ein Finger nicht mehr glatt streckt

Ein Finger, der morgens steif erscheint, beim Strecken plötzlich schnappt und in fortgeschrittenen Stadien in Beugung hängenbleibt: das ist das typische Bild des schnellenden Fingers. Im klinischen Sprachgebrauch wird er auch als „Schnappfinger" oder „Triggerfinger" geführt. Er ist nach der Tendovaginitis de Quervain die zweithäufigste Engpass-Sehnenscheidenentzündung der Hand.

Was es eigentlich ist

In der Hohlhand verlaufen die Beugesehnen der Finger durch eine Sehnenscheide, die an mehreren Stellen von ringförmigen Bändern, den Ringbändern, am Knochen gehalten wird. Diese Ringbänder verhindern, dass die Sehne bei Beugung wie eine Bogensehne nach vorne abhebt. Das erste Ringband, das A1-Ringband, sitzt am Grundgelenk des Fingers in der Hohlhand und ist die Stelle, an der der schnellende Finger entsteht.

Beim schnellenden Finger entwickelt sich eine knotige Verdickung in der Beugesehne, häufig kombiniert mit einer Verdickung der Ringband-Wand. Beides zusammen erzeugt ein mechanisches Missverhältnis: die verdickte Sehne kann nicht mehr glatt durch den verengten Kanal gleiten und bleibt am Ringband hängen, bis sie unter Schmerzen frei „schnappt". Trotz des Namens handelt es sich nicht primär um eine klassische Entzündung, sondern überwiegend um einen bindegewebigen Umbauprozess.

Wer betroffen ist

Der schnellende Finger betrifft im Verlauf des Lebens etwa 2 bis 3 Prozent der Bevölkerung. Bei Menschen mit Diabetes mellitus ist die Prävalenz mit 10 bis 20 Prozent deutlich höher; das ist klinisch wichtig, weil Diabetiker außerdem schlechter auf die konservative Therapie ansprechen und häufiger eine Operation benötigen. Frauen sind häufiger betroffen als Männer, der Altersgipfel liegt zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr. Am häufigsten betroffen sind Daumen, Mittelfinger und Ringfinger; mehrere Finger nacheinander oder gleichzeitig sind nicht selten.

Weitere Risikofaktoren sind Schilddrüsenunterfunktion, rheumatoide Arthritis, Amyloidose, Gicht sowie repetitive kraftvolle Griffbelastung in handwerklichen Berufen. Eine Sonderform ist der kindliche schnellende Daumen (Pollex flexus congenitus), der eine eigene Krankheit mit eigener Prognose und Behandlung ist und nicht mit der Erwachsenen-Variante verwechselt werden sollte.

Wie sich’s zeigt

Der namensgebende Schnappmechanismus ist das Leitsymptom: ein Finger bleibt bei aktiver Streckung oder Beugung am Ringband hängen und schnappt unter Schmerzen frei. Typisch sind außerdem eine morgendliche Versteifung des Fingers mit Lockerung nach mehrmaliger Bewegung und ein lokal umschriebener Schmerz in der Hohlhand über dem Fingergrundgelenk.

Im fortgeschrittenen Verlauf wird der Schnappmechanismus stärker und tritt schon bei einfachen Alltagsbewegungen auf. In schweren Stadien bleibt der Finger in einer gebeugten Stellung blockiert und kann nur mit der anderen Hand passiv gestreckt werden. Bei der Inspektion ist häufig ein tastbarer Knoten in der distalen Hohlhand über dem Ringband zu spüren, der sich bei aktiver Fingerbewegung mitbewegt.

Klinisch teilt man den Schweregrad in vier Stadien ein, die die Therapieentscheidung steuern: Schmerz und Knoten ohne Schnappen (Stadium I), aktives Schnappen mit aktiv möglicher Reduktion (II), Schnappen mit nur noch passiv möglicher Reduktion (III) und fixierte Beugekontraktur ohne Reduktion (IV).

Die Diagnose ist klinisch. Ultraschall kann eine Verdickung des A1-Ringbands und der Beugesehne darstellen und ist für eine gezielte Spritze hilfreich, jedoch nicht obligat. Differenzialdiagnostisch sind eine Dupuytren-Kontraktur (palpabel verhärteter Strang in der Hohlhand, langsam fortschreitende Streckunfähigkeit ohne Schnappen) und ein Karpaltunnel-Syndrom (nächtliche Kribbel- und Taubheitsgefühle in den ersten drei Fingern) abzugrenzen.

Was die Behandlung trägt

Die Erstlinie ist eine Kortikoid-Spritze an das A1-Ringband, kombiniert mit einer kurzfristigen Schiene in Streckstellung. Anders als bei den meisten Tendinopathien ist die Spritze hier nicht kritisch, sondern wirkt direkt auf das gereizte und verdickte Bindegewebe von Sehne und Ringband. Die Ansprechrate liegt bei Nicht-Diabetikern bei etwa 60 bis 90 Prozent, bei Diabetikern deutlich niedriger.

Mehr als zwei Spritzen sollten vermieden werden, weil sie das Risiko einer Sehnenverdünnung und einer Hautverdünnung an der Injektionsstelle erhöhen. Diabetiker sollten vor der Spritze über einen vorübergehenden Anstieg des Blutzuckers nach Kortikoidgabe aufgeklärt werden, der zwei bis vier Tage anhalten kann; bei insulinpflichtigem Diabetes ist die Selbstmessung des Blutzuckers in dieser Zeit engmaschiger sinnvoll.

Eine Schiene in Streckstellung über dem betroffenen Fingergrundgelenk, häufig nur nachts, über zwei bis sechs Wochen, kann den Schnappmechanismus unterbrechen und das Ansprechen auf die Spritze verbessern. Als alleinige Behandlung ist die Schiene der Spritze deutlich unterlegen.

Anders als bei den klassischen Tendinopathien hat ein progressives Krafttraining hier keine etablierte Rolle, weil die Erkrankung ein mechanisches Engpassproblem ist und keine fehlgesteuerte Sehnenanpassung. Topische Schmerzmittel können in der akuten Phase symptomatisch ergänzen.

Bei refraktären Verläufen oder fortgeschrittenen Stadien (Stadium III und IV) ist die operative Spaltung des A1-Ringbands indiziert. Sie ist ein gut etablierter Eingriff mit sehr niedriger Rezidivrate. In einer randomisierten Vergleichsstudie traten in der Spritzen-Gruppe nach sechs Monaten 11 Prozent Rezidive auf gegenüber keinem einzigen in der operativen Gruppe. Daraus folgt das in der Praxis etablierte gestufte Vorgehen: zunächst Kortikoid-Spritze plus Schiene, operative Ringbandspaltung bei Rezidiv, fortgeschrittenem Stadium oder injektionsrefraktärem Verlauf. Bei Diabetikern mit dem bekannten schlechteren Ansprechen lohnt es sich, die operative Schwelle früher anzusetzen, statt mehrere erfolglose Spritzen einzusetzen.

Operativ stehen zwei Verfahren zur Verfügung: die offene Ringbandspaltung mit voller Sicht auf das Ringband, die Beugesehnen und den Fingernerv (Standard, sehr niedrige Komplikationsrate) und die perkutane Ringbandspaltung über einen kleinen Stich (minimal-invasiv, geringfügig höhere Komplikationsrate, vor allem am Daumen wegen der engen anatomischen Nachbarschaft des Daumennervs). Beide Verfahren sind in Vergleichsstudien klinisch gleichwertig wirksam.

Wann ärztlich abklären

  • bei fixierter Beugekontraktur, die sich auch passiv nicht mehr in Streckung bringen lässt (Stadium IV, frühzeitige Operationsplanung sinnvoll)
  • bei begleitenden palpablen verhärteten Strängen in der Hohlhand mit langsam fortschreitendem Streckdefizit ohne Schnappmechanismus (möglich: Dupuytren-Kontraktur)
  • bei nächtlichen Kribbel- und Taubheitsgefühlen in den ersten drei Fingern (möglich: Karpaltunnel-Syndrom)
  • bei mehreren betroffenen Fingern gleichzeitig zusammen mit Gelenkschwellungen anderer Gelenke (möglich: rheumatoide Arthritis)
  • bei einem schnellenden Daumen im Kindesalter (eigene Erkrankung, eigene Therapie)
  • bei ausbleibender Besserung trotz adäquater Spritze und Schiene über drei bis sechs Monate

Zusammenfassung

Der schnellende Finger ist eine Engpass-Sehnenscheidenentzündung am A1-Ringband, klinisch durch Schnappen, tastbaren Knoten in der Hohlhand und im Verlauf fixierte Beugeblockade gekennzeichnet. Erstlinie ist eine Kortikoid-Spritze an das A1-Ringband, ergänzt durch eine kurzfristige Schiene; Diabetiker sprechen schlechter an und brauchen häufiger eine Operation. Mehr als zwei Spritzen sollten vermieden werden. Bei Rezidiv, fortgeschrittenem Stadium oder Refraktarität ist die operative Ringbandspaltung etabliert; sie hat eine sehr niedrige Rezidivrate.

Weiterführende Quellen

Systematische Übersichten und Schlüsselstudien

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Hinweis: Diese Seite dient der medizinischen Orientierung und ersetzt keine individuelle ärztliche oder physiotherapeutische Beratung.