Sehnenleiden verstehen und gezielt belasten

Makro-Detailaufnahme verdrehter Stahlseile in Schwarzweiß

Wenn Sehnen Schmerzen machen

Plantarfasziitis an der Ferse, Tennisellenbogen, Achillessehnen-Schmerz, Patella-Sehne, Schmerz am seitlichen Hüftbereich: Sehnenleiden teilen ein typisches Muster aus Belastungs-Empfindlichkeit, Anlaufschmerz und langem Verlauf. Was viele überrascht: Die veränderte Stelle in der Sehne muss gar nicht heilen, damit die Schmerzen gehen.

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Was eine Tendinopathie ist

Tendinopathie ist der heute übliche Sammelbegriff für eine chronische Erkrankung der Sehnensubstanz mit Belastungsschmerz und Funktionsverlust. Die ältere Bezeichnung „Tendinitis" wird zunehmend ersetzt, weil pathologisch nicht eine klassische Entzündung dominiert, sondern ein gestörter Anpassungs- und Reparaturprozess der Sehne. Das hat unmittelbare Konsequenzen für die Behandlung: entzündungshemmende Medikamente helfen weniger, als der alte Begriff vermuten ließ, während dosierte Belastung das wichtigste Werkzeug der Therapie ist.

Häufig betroffen sind die Achillessehne, die Plantarfaszie an der Ferse, die Strecksehnen am Ellenbogen, die Patellasehne, die Gluteus-Sehnen am Trochanter und die Rotatorenmanschette an der Schulter.

Wie sich eine Tendinopathie zeigt

Typisch sind ein Schmerz vor allem bei und nach Belastung, ein Anlaufschmerz am Morgen oder nach Ruhepausen und ein lokaler Druckschmerz über der Sehne. Die Beschwerden zeigen häufig einen wellenförmigen Verlauf über Wochen bis Monate, mit Phasen der Besserung und der Verschlechterung. Eine vollständige Funktionseinschränkung oder ein plötzlich einsetzender, sehr starker Schmerz nach Trauma sind keine typische Tendinopathie und gehören als möglicher Sehnenriss zeitnah ärztlich abgeklärt.

Bildgebung ist für die Diagnose meist nicht zwingend nötig. Ultraschall und MRT zeigen typische Veränderungen, korrelieren aber unzuverlässig mit Schmerz und Funktion. Auch bei beschwerdefreien Personen finden sich häufig Strukturveränderungen, und Befunde wie ein Fersensporn oder eine knöcherne Verkalkung erklären den Schmerz in der Regel nicht. Bildgebung wird sinnvoll bei unklarer Diagnose, Verdacht auf einen Sehnenriss und vor invasiven Therapien.

Ein praktisch wichtiger Punkt der Anamnese: was hat sich in der Belastung verändert, bevor die Beschwerden begonnen haben? Häufig liegt eine ungewohnte oder rasch gesteigerte Belastung am Anfang, etwa eine neue Sportart, ein höherer Trainingsumfang, neue Schuhe oder eine veränderte Körperhaltung am Arbeitsplatz.

Was die Behandlung trägt

Die wichtigste Botschaft ist eine, die selten klar ausgesprochen wird: Training repariert die kaputte Stelle in der Sehne nicht. Degenerativ veränderte Bereiche bleiben meist im Ultraschall sichtbar, auch wenn die Schmerzen längst verschwunden sind. Wer auf Reparatur wartet, wartet vergeblich, und genau das treibt viele Betroffene von der Spritze zur Stoßwelle zur Operation.

Die gute Nachricht folgt genau daraus: Für ein beschwerdefreies Leben brauchen Sie diese Stelle offenbar nicht zurück. Was sich trainieren lässt, ist die Belastbarkeit der Sehne insgesamt, zusammen mit Kraft und Funktion. Eine verbreitete Erklärung dafür lautet, dass die Last vom unveränderten Teil der Sehne übernommen wird, von dem eine verdickte kranke Sehne eher mehr besitzt als eine gesunde. Bewiesen ist dieser Mechanismus nicht, er ist ein Erklärungsmodell. Sicher ist der Befund dahinter: Beschwerdefreiheit ist möglich, ohne dass das Bild jemals wieder „schön" aussieht.

Auf die Reihenfolge kommt es an. Eine akut gereizte, druckschmerzhafte Sehne wird zuerst beruhigt: Die auslösende Spitzenlast wird vorübergehend herausgenommen, erfahrungsgemäß über ein bis zwei Wochen. Diese Zeitangabe ist eine Faustregel aus der Praxis, keine geprüfte Schwelle; entscheidend ist nicht der Kalender, sondern ob die Sehne wieder weniger reizbar reagiert. Schweres Training genau in dieser Phase kann die Beschwerden verstärken. Was hingegen ausdrücklich nicht empfohlen wird, ist komplette Ruhe. Die Leitlinie zur Achillessehne rät davon sogar ausdrücklich ab und empfiehlt, die Aktivität innerhalb der eigenen Schmerztoleranz fortzusetzen. Wochenlange Schonung baut die Belastbarkeit ab, ohne das Problem zu lösen. Also weder Dauerruhe noch sofort draufhalten, sondern Spitzenlast raus, Bewegung drin, dann aufbauen.

Der zentrale Baustein ist dann ein dosiertes, langsam gesteigertes Krafttraining. Zwischen exzentrischem und langsamem, schwerem Krafttraining (Heavy-Slow-Resistance) ließ sich in den Vergleichen kein Unterschied nachweisen. Das ist etwas anderes als „beide sind erwiesen gleich gut": Die Studien waren klein, die Frage ist offen. Praktisch entlastet Sie das trotzdem, denn Sie dürfen die Form wählen, die Sie durchhalten.

An Ferse und Hüfte gelten zwei Dinge als entscheidend, die oft unterschätzt werden: Die Last muss hoch genug sein, und die Bewegung langsam genug (etwa drei Sekunden pro Wiederholung). An Ellenbogen und Schulter ließ sich das so nicht zeigen. Zu leichtes, schnelles Training macht den Muskel stärker, erreicht die Sehne aber kaum. Wichtig ist dabei der Unterschied zwischen zwei Fragen, die gern vermischt werden: Dass hohe Last die Sehne mechanisch stärker anspricht, ist gut untersucht. Dass sie deshalb auch mehr gegen Ihre Schmerzen ausrichtet, ist damit noch nicht gezeigt. Die Belastung wird so dosiert, dass sie ein moderates, tolerierbares Schmerzempfinden auslöst, das innerhalb von 24 Stunden wieder abklingt. Das gehört in physiotherapeutische Begleitung. Mehr Hintergrund unter Bewegung .

Die Nachbargelenke gehören in die Untersuchung, aber nicht zwingend ins Programm. Keine Sehne arbeitet für sich allein: Eine steife Hüfte, eine schwache Gesäßmuskulatur oder ein wenig bewegliches Sprunggelenk verändern, wie viel Last wo ankommt. Eine gute Untersuchung schaut deshalb über die schmerzende Stelle hinaus. Dass zusätzliche Übungen für diese Nachbarregionen den Behandlungserfolg verbessern, ist bisher allerdings nicht gezeigt. An der Schulter, wo man es am genauesten untersucht hat, brachten gezielte Programme für das Schulterblatt nicht mehr als unspezifisches Üben. Der praktische Rat lautet deshalb: Wenn Ihre Zeit begrenzt ist, gehört sie an die betroffene Sehne. Zu wenig Last an der richtigen Stelle ist der häufigere Fehler als eine vergessene Übung für die Hüfte.

Tragend ist außerdem Belastungsmanagement statt Vermeidung. Nicht alle belastenden Aktivitäten meiden, sondern die Belastung temporär anpassen: Umfang reduzieren, Spitzenlasten modifizieren, gegebenenfalls Schuhe oder Technik überprüfen. Siehe auch Pacing und Routinen .

Wie gut das alles belegt ist, unterscheidet sich je nach Sehne erheblich. Am stärksten ist die Datenlage an der Gluteal-Sehne der Hüfte, mittelstark an der mittleren Achillessehne. Deutlich schwächer ist sie an Ellenbogen und Schulter, und schwächer als vielfach angenommen auch an der Patellasehne: Eine Cochrane-Übersicht von 2025 fand dort sieben Studien mit zusammen gut zweihundert Teilnehmenden und keine einzige, die das Training gegen eine Scheinbehandlung geprüft hätte.

Dabei lohnt eine Unterscheidung, die diese Seite ab hier durchhält. „Viel untersucht" und „gut wirksam" sind nicht dasselbe. Die Schulter etwa ist umfangreich beforscht, gerade deshalb weiß man dort ziemlich genau, dass der Zusatznutzen aufwendiger Programme unsicher ist. Ein pauschales „Belastungstraining wirkt bei Sehnenleiden" wäre also zu breit.

Was überall gilt: Die Risiken sind gering, meist eine vorübergehende Zunahme der Beschwerden, und das Training zielt direkt auf Kraft und Belastbarkeit. Die Alternativen stehen nicht besser da, und einige von ihnen, allen voran die wiederholte Kortikoid-Spritze, verschlechtern das Ergebnis auf lange Sicht. Genau deshalb bleibt die Empfehlung eindeutig, auch wenn die Belege dünner sind, als es die Menge der Veröffentlichungen vermuten lässt.

Realistisch ist eine Zeitskala von drei bis sechs Monaten, oft länger. Und dazu gehört eine ehrliche Größenordnung: Auch mit konsequenter Behandlung bleibt ein Teil der Betroffenen über Jahre nicht beschwerdefrei. Am Springerknie fühlte sich nach fünf Jahren etwa jeder Vierte nicht erholt, am Ellenbogen berichtet nach drei bis fünf Jahren etwa jeder Fünfte anhaltende Beschwerden. Wie hoch der Anteil an Ihrer Sehne liegt, unterscheidet sich, und wer dazugehört, lässt sich vorher nicht vorhersagen. Das ist kein Grund, nicht anzufangen. Es ist ein Grund, sich keine Schuld zu geben, wenn es länger dauert als erhofft. Schnelle Wunderlösungen gibt es bei Sehnen nicht.

Was nur begrenzten Effekt hat: Kortikoid-Injektionen direkt an die Sehne können kurzfristig den Schmerz lindern, verschlechtern aber bei mehreren Tendinopathien das Langzeitergebnis und erhöhen das Risiko eines Sehnenrisses. Sie sind keine Erstlinientherapie. Die Stoßwellentherapie wird häufig angeboten, und ihr Bild hat sich in den letzten beiden Jahren deutlich eingetrübt. Überall dort, wo sie inzwischen gegen eine Scheinbehandlung geprüft wurde, blieb der Vorteil aus: an der Achillessehne und am Ellenbogen 2026, an der Patellasehne in zwei Vergleichen, und an der Plantarfaszie in einer vierarmigen Studie mit 200 Teilnehmenden, in der weder die echte noch die Schein-Stoßwelle etwas zu Beratung und Einlagen hinzufügte. Belastbar bleibt sie damit vor allem bei der Kalkschulter, wo sie einen eigenen Angriffspunkt hat.

Für die Plantarfasziitis ist sie in Deutschland die einzige Sehnen-Indikation, für die die gesetzlichen Krankenkassen regelhaft zahlen. Das sagt etwas über die Erstattungslage aus, nicht über die Wirksamkeit. Ein Versuch bei langem Verlauf ist vertretbar, mit begrenzter Erwartung und dem Wissen, dass ein Teil der erlebten Besserung auf die Behandlungssituation selbst entfällt.

Massagen und passive Anwendungen sind ergänzend möglich, ersetzen das aktive Üben aber nicht.

Orthesen, Bandagen, Schienen und Einlagen begegnen Ihnen bei Sehnenbeschwerden fast überall: die Spange am Ellenbogen, das Fersenkissen, die Nachtschiene, die Einlage im Schuh. Diese Seite ordnet sie bewusst nicht ein. Ob ein solches Hilfsmittel in Ihrem Fall passt, welche Bauform und welche Anpassung, hängt an Befunden, die in der Orthopädie und in der Orthopädietechnik erhoben werden, nicht in der Schmerzmedizin. Das ist keine Zurückhaltung aus Höflichkeit, sondern eine Fachgrenze: Eine schlecht gewählte oder schlecht angepasste Orthese kann Beschwerden verlagern statt lindern, und das lässt sich aus der Ferne nicht beurteilen.

Was sich allgemein sagen lässt: Solche Hilfsmittel können Beschwerden vorübergehend lindern, indem sie Zug oder Druck am Sehnenansatz umverteilen. Ein Ersatz für die Belastungstherapie sind sie nicht, und einen heilenden Effekt auf die Sehne hat bisher keines von ihnen gezeigt. Wenn Sie darüber nachdenken, sprechen Sie es bei Ihrer orthopädischen oder hausärztlichen Vorstellung an.

Wann ärztlich abklären

Häufige Bilder mit eigener Seite

Jedes Bild hat eine eigene Patientenseite mit Substanz zu Klinik, Diagnose und Behandlung.

Plantarfasziitis und Fersensporn . Die häufigste Ursache des chronischen Fersenschmerzes. Warum der Fersensporn ein eigener und meist stummer Befund ist, wie sich der Erste-Schritt-Schmerz behandeln lässt und welche Rolle die Stoßwellentherapie hat.

Achillessehnen-Schmerz . Die Achillodynie tritt in einer mittleren und einer ansatznahen Form auf. Beide fühlen sich ähnlich an, reagieren aber unterschiedlich auf Übungen. Die Seite erklärt die Form-Trennung und die jeweils passende Belastungstherapie.

Tennisellenbogen und Golferellenbogen . Schmerz am äußeren oder inneren Ellenbogen. Warum wiederholte Kortikoid-Spritzen langfristig schaden und welche Rolle Trainingsprogramme, Bandagen und Spritzen spielen.

Springerknie (Patellaspitzensyndrom) . Tendinopathie der Patellasehne, typisch bei Volleyball, Basketball, Handball und Hochsprung. Warum eine komplette Sportpause selten die Lösung ist. Im Artikel auch die Spiegelvariante an der Quadrizepssehne am oberen Patellapol.

Pes-anserinus-Syndrom . Schmerz am inneren Schienbeinkopf, der häufig als „mediale Gonarthrose" fehldiagnostiziert wird. Eigene Therapielogik mit Schwerpunkt auf Gewicht, Hüftmuskulatur und Schlaf- und Sitzhaltung.

Schmerz am seitlichen Hüftbereich (Trochanter-Major-Syndrom) . Die gluteale Tendinopathie ist die häufigste Ursache lateraler Hüftschmerzen bei Frauen ab 40 und fast nie eine echte „Bursitis". Die Seite erklärt die Mechanik, das LEAP-Trainingsprogramm und typische Sitz- und Schlafhaltungs-Empfehlungen.

Schulterschmerz und Rotatorenmanschette (Impingement) . Der häufigste Schulterschmerz. Warum das alte Erklärungsmodell „Impingement" nicht trägt, die zugehörige Operation einer Scheinoperation nicht überlegen ist und was Üben an der Schulter realistisch leistet. Mit der Kalkschulter als Sonderfall mit eigener Behandlungslogik.

Weitere Tendinopathien im Überblick . Distale Bizepssehne, Adduktoren, Hamstring, Tibialis posterior und mehr: Lokalisationen mit denselben Prinzipien und eigenen Besonderheiten.

Querschnittsthemen

Weiterführende Quellen

Systematische Übersichten und Schlüsselstudien

Hinweis: Diese Seite dient der medizinischen Orientierung und ersetzt keine individuelle ärztliche oder physiotherapeutische Beratung, Diagnostik oder Behandlung. Bei plötzlichem starken Schmerz oder Funktionsverlust (Verdacht auf Sehnenriss) bitte zeitnah ärztlich abklären.