Wenn die Achillessehne nicht mehr mitspielt

Ein ziehender oder stechender Schmerz an der Achillessehne, der morgens beim Aufstehen und zu Beginn der Belastung am stärksten ist und sich nach dem „Einlaufen" oft kurz bessert, ist die typische Achillodynie. Sie betrifft Freizeit- und Wettkampfsportler ähnlich wie Menschen, die schlicht viel auf den Beinen sind. Klinisch und für die Behandlung wichtig ist die Trennung in zwei Formen, die sich ähnlich anfühlen, aber unterschiedlich auf Übungen reagieren.

Was es eigentlich ist

„Achillodynie" ist ein Sammelbegriff für belastungsabhängige Beschwerden an der Achillessehne. Pathologisch dominiert nicht eine klassische Entzündung, sondern ein gestörter Umbau- und Reparaturprozess der Sehne mit Verdickung, kleinen Einrissen und einer Mehrdurchblutung im veränderten Gewebe.

Therapeutisch entscheidend ist die Unterscheidung in zwei Formen.

Die mittlere Form sitzt im Sehnen-Mittelteil, etwa zwei bis sechs Zentimeter oberhalb des Fersenansatzes. Hier dominiert die Zugbelastung, und die Sehne reagiert klassisch auf dosiertes Belastungstraining mit voller Bewegungsamplitude.

Die ansatznahe Form sitzt direkt am Übergang der Sehne zum Fersenbein. Hier kommt zur Zugbelastung eine Kompression der Sehne gegen den Knochen hinzu, vor allem in maximaler Sprunggelenks-Streckung. Diese Kompressionskomponente erklärt, warum die ansatznahe Form anders reagiert: ein klassisches Absenken der Ferse unter Stufenniveau, wie es das traditionelle Übungsprotokoll vorsah, kann hier die Beschwerden unterhalten statt lindern.

Wer betroffen ist und was begünstigt

Die Achillodynie ist eine der häufigsten Sehnenerkrankungen mit besonderer Häufung in Lauf- und Sprungsportarten, aber auch in der Allgemeinbevölkerung relevant präsent. Risikofaktoren sind ein rasch gesteigerter Trainingsumfang oder eine veränderte Belastung (neue Schuhe, anderer Untergrund), Übergewicht, Diabetes mellitus, erhöhte Blutfettwerte und höheres Lebensalter.

Wichtig ist die anamnestische Frage nach einer Antibiotika-Therapie aus der Gruppe der Fluorchinolone (Ciprofloxacin, Levofloxacin, Moxifloxacin). Diese Wirkstoffe können auch noch Wochen bis Monate nach der Einnahme Achillessehnen-Beschwerden und in selteneren Fällen einen Sehnenriss auslösen. Eine entsprechende Anamnese verändert die Empfehlungen, vor allem bei Belastungs-Aufbau und Spritzentherapien.

Wie sich’s zeigt

Typisch sind ein belastungsabhängiger lokaler Schmerz, eine Morgensteifigkeit und ein Anlaufschmerz, der sich nach dem Einlaufen oft bessert. Eine umschriebene Verdickung im Sehnenverlauf (bei der mittleren Form) oder ein Druckschmerz direkt am Fersenansatz (bei der ansatznahen Form) sind tastbare Befunde, die die Form klären helfen.

Die Diagnose ist klinisch. Ultraschall stützt die Strukturbeurteilung und Verlaufskontrolle, ändert die Erstlinientherapie aber selten. Wichtig ist die Abgrenzung gegen den Achillessehnen-Riss, der mit einem plötzlich auftretenden, peitschenartigen Schlag, sofortigem Funktionsverlust und einer tastbaren Delle einhergeht.

Was die Behandlung trägt

Tragend ist ein dosiertes, progressiv gesteigertes Krafttraining für die Wadenmuskulatur und Achillessehne über Wochen bis Monate. Zwei Programme sind klinisch belegt und langfristig gleichwertig: das klassische exzentrische Programm und das schwere, langsame Krafttraining (Heavy-Slow-Resistance). Beide setzen die Sehne unter ausreichende, aber tolerierbare Last; das HSR-Programm hat häufig die bessere Adhärenz, weil es nur drei Einheiten pro Woche braucht.

Bei der mittleren Form wird die Ferse über eine Stufenkante mit Streckung und Beugung im Sprunggelenk in voller Amplitude belastet. Schmerzen während der Übung dürfen ein moderates, tolerierbares Maß nicht überschreiten und müssen sich bis zum nächsten Tag wieder beruhigen.

Bei der ansatznahen Form wird die Bewegung auf Bodenniveau begrenzt. Die maximale Sprunggelenksstreckung, in der die Sehne gegen das Fersenbein gepresst wird, wird zunächst vermieden. Erst nach Beschwerderückgang wird der Bewegungsumfang vorsichtig erweitert.

Begleitend sind Belastungsmodifikation und Geduld die wichtigsten Faktoren. Eine wochenlange vollständige Sportpause ist meist nicht der richtige Weg, weil sie die Sehne dekonditioniert. Stattdessen werden Spitzenlasten temporär modifiziert, etwa der Laufumfang reduziert oder die Bergauf-Strecken eingeschränkt.

Auf die Reihenfolge kommt es aber an. Ist die Sehne akut gereizt und stark druckschmerzhaft, wird sie zuerst beruhigt: Spitzenlast für ein bis zwei Wochen raus. Sofort mit schwerem Training loszulegen, kann in dieser Phase die Beschwerden verstärken. Erst beruhigen, dann aufbauen.

Was das Training tut, und was nicht. Es repariert die veränderte Stelle in der Sehne nicht. Die Sehne bleibt oft jahrelang verdickt, auch wenn Sie längst beschwerdefrei sind. Was das Training nach heutigem Verständnis erreicht, ist etwas anderes: Es macht das gesunde Sehnengewebe rundherum belastbarer, sodass die Sehne insgesamt wieder trägt. Deshalb ist Beschwerdefreiheit möglich, ohne dass der Ultraschall wieder normal wird. Und deshalb lohnt es nicht, auf ein Verfahren zu warten, das die Struktur heilen soll.

Realistisch ist eine Zeitskala von drei bis sechs Monaten, in lange verschleppten Fällen länger. Mehr Hintergrund unter Bewegung .

Stoßwellentherapie ist eine sinnvolle Ergänzung, deutlicher belegt bei der ansatznahen Form und in Kombination mit dem Belastungstraining bei der mittleren Form. Sie ersetzt das aktive Üben nicht.

Kortikoid-Injektionen sind kritisch. Direkte Spritzen in die Sehne erhöhen das Rupturrisiko deutlich und sind zu vermeiden. Eine selektive Injektion in die Sehnenhülle ist allenfalls zur kurzfristigen Symptomkontrolle vertretbar, nicht als Erstlinientherapie und nicht wiederholt. Bei vorausgegangener Fluorchinolon-Einnahme ist besondere Zurückhaltung geboten.

Operative Verfahren bleiben Verläufen vorbehalten, die nach mindestens sechs Monaten konsequenter konservativer Therapie nicht ausreichend gebessert haben.

Wann ärztlich abklären

  • bei plötzlichem peitschenartigen Schmerz und Funktionsverlust, oft mit hörbarem Knall (Verdacht auf Achillessehnen-Riss)
  • bei einer tastbaren Delle in der Sehne nach Trauma
  • bei einer Fluorchinolon-Antibiose in den letzten Monaten und neuen Sehnenbeschwerden
  • bei ausbleibender Besserung trotz konsequenter Belastungstherapie über mehrere Monate
  • bei Schmerzen an mehreren Sehnenansätzen gleichzeitig (möglich: entzündlich-rheumatische Erkrankung)

Was Sie realistisch erwarten dürfen

Hier gehört Ehrlichkeit hin, weil viele Betroffene sich unter Druck setzen, wenn es nicht vorangeht.

Die Achillodynie ist zäh. In einer Untersuchung, die Betroffene über zehn Jahre begleitet hat, hatten rund 20 von 100 auch nach zehn Jahren noch Beschwerden. Von den sportlich Aktiven kehrten nur etwa 40 Prozent auf ihr früheres Niveau zurück. Und bis zu 45 Prozent sprechen auf ein exzentrisches Übungsprogramm nicht ausreichend an.

Wer dazugehört, lässt sich vorher nicht sagen: Verlässliche Vorhersagefaktoren wurden trotz intensiver Suche nicht gefunden. Was sich dagegen konsistent zeigt: Je länger die Beschwerden schon bestehen, desto zäher der Verlauf. Früh anfangen lohnt sich.

Das ist kein Grund zur Resignation. Die Mehrheit kommt gut zurecht, und die Belastungstherapie bleibt das Verfahren mit dem besten Nutzen-Risiko-Verhältnis. Aber Geduld ist notwendig, nicht hinreichend. Wenn es bei Ihnen länger dauert, haben Sie nichts falsch gemacht.

Zusammenfassung

Die Achillodynie ist ein gestörter Umbauprozess der Achillessehne, klinisch und therapeutisch in eine mittlere und eine ansatznahe Form zu trennen. Tragend ist ein progressives Krafttraining über mehrere Monate: erst die gereizte Sehne beruhigen, dann aufbauen; bei der mittleren Form mit voller, bei der ansatznahen Form mit zunächst begrenzter Amplitude. Das Training repariert die Sehne nicht, es macht das gesunde Gewebe drumherum belastbar. Stoßwelle ist eine sinnvolle Ergänzung, Kortikoid-Spritzen sind keine Erstlinie. Eine Fluorchinolon-Anamnese gehört in die Beurteilung. Geduld über Monate ist notwendig, aber sie ist keine Garantie: Etwa jeder Fünfte bleibt langfristig symptomatisch.

Weiterführende Quellen

Systematische Übersichten und Schlüsselstudien

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Hinweis: Diese Seite dient der medizinischen Orientierung und ersetzt keine individuelle ärztliche oder physiotherapeutische Beratung, Diagnostik oder Behandlung.