Wenn die Hüftaußenseite nicht mehr ruhen lässt
Ein lokal umschriebener Schmerz an der seitlichen Hüfte, der nachts beim Liegen auf der betroffenen Seite zum Wachwerden führt, beim Einbeinstand beim Anziehen einer Hose aufflammt und beim Treppensteigen oder beim Aufstehen aus dem Sitzen wiederkehrt: das ist das typische Bild der glutealen Tendinopathie. Die historische Diagnose „Bursitis trochanterica" trifft bei den meisten Betroffenen nicht zu.
Was dahintersteckt
An der äußeren Hüfte sitzt ein gut tastbarer knöcherner Höcker, der Trochanter major. An ihm setzen die Sehnen der seitlichen Gesäßmuskeln (Gluteus medius und minimus) an, die für das seitliche Anheben des Beins und für die Stabilisierung des Beckens beim Stand und beim Gehen verantwortlich sind. Bei der glutealen Tendinopathie sind diese Sehnenansätze gereizt: Das Sehnengewebe ist umgebaut und in seiner Belastbarkeit herabgesetzt, weil die Erholung mit der Belastung nicht Schritt gehalten hat. Der Vorgang sitzt in der Sehne selbst und ist keine klassische Entzündung.
Klinisch wird das Beschwerdebild heute als Trochanter-Major-Syndrom bezeichnet (englisch Greater Trochanteric Pain Syndrome, kurz GTPS). Eine Ultraschallstudie an mehreren hundert Betroffenen hat gezeigt, dass nur 8 Prozent eine echte isolierte Bursitis (Schleimbeutelentzündung) hatten, während knapp die Hälfte eine primäre gluteale Tendinopathie aufwies. Die historische Bezeichnung „Bursitis trochanterica" ist deshalb in der Mehrzahl der Fälle eine Fehldiagnose und führt zu einer falschen Therapielogik.
Warum die Mechanik wichtig ist
Die gluteale Tendinopathie ist eine Kompressionstendinopathie. Der Tractus iliotibialis, ein kräftiges Bindegewebsband, das von der seitlichen Hüfte zum Knie zieht, presst die Sehnen von Gluteus medius und minimus gegen den Trochanter. Diese Kompression nimmt mit zunehmender Adduktion (Bewegung des Beins zur Körpermitte hin) steil zu. Das hat unmittelbare Konsequenzen für die Behandlung: alle Haltungen und Bewegungen, die das Bein zur Körpermitte führen, erhöhen den Druck auf die gereizten Sehnen und können die Beschwerden unterhalten. Genau hier setzt die Edukation an.
Wer betroffen ist
Die gluteale Tendinopathie betrifft Frauen häufiger als Männer im Verhältnis von etwa drei zu eins, mit einem Altersgipfel zwischen 40 und 60 Jahren. Die weibliche Häufung erklärt sich teils anatomisch: das im Durchschnitt breitere weibliche Becken bringt eine größere funktionelle Adduktion bei jedem Schritt. Risikofaktoren sind außerdem Übergewicht, lange Sitzbelastung mit übereinandergeschlagenen Beinen, eine kontralaterale Hüft- oder Kniepathologie mit Schonhaltung und Laufsport mit ausgeprägter Beckenkippung. Diabetes mellitus und höheres Lebensalter sind allgemeine Risikofaktoren für Tendinopathien.
Typische Symptome
Leitsymptom ist ein lateraler Hüftschmerz mit Maximum über dem tastbaren knöchernen Höcker an der Hüftaußenseite, häufig mit Ausstrahlung in den lateralen Oberschenkel bis zum Knie. Drei Auslöser sind besonders typisch:
- Liegen auf der betroffenen Seite ist oft der erste Hinweis: das Aufwachen nachts mit Schmerz, das Vermeiden der betroffenen Seite, das Probieren mit Kissen unter dem oberen Bein.
- Einbeiniges Stehen beim Anziehen einer Hose, beim Treppensteigen oder beim Aufstehen aus dem Auto reproduziert die Beschwerden.
- Aufstehen nach langem Sitzen ist ein typischer Anlaufschmerz.
Die Diagnose ist klinisch. Der Druck direkt auf den Trochanter major reproduziert den Schmerz. Ein einbeiniger Stand über 30 Sekunden, eine Beckenneigung zur Gegenseite beim einbeinigen Stand (Trendelenburg-Zeichen) und Schmerz bei Adduktion oder Außenrotation gegen Widerstand stützen die Diagnose. Bildgebung ist initial entbehrlich. Ultraschall und MRT werden nur bei unklaren Befunden oder bei Verdacht auf eine strukturelle Begleitpathologie eingesetzt.
Wichtige Differenzialdiagnosen sind die Hüftarthrose (Schmerz eher in der Leiste und am vorderen Oberschenkel, Bewegungseinschränkung in Innenrotation), die lumbale Radikulopathie L4/L5 (Ausstrahlung über das Knie hinaus, neurologische Begleitsymptome) und Beschwerden aus dem Iliosakralgelenk.
Was die Behandlung trägt
Die gluteale Tendinopathie hat von allen Lokalisationen die belastbarste Studienlage für die Erstlinie. Eine groß angelegte randomisierte Studie hat drei Strategien verglichen: Edukation plus Übungsprogramm, einmalige Kortikoid-Spritze oder einfaches Abwarten. Nach acht Wochen war die Übungsgruppe mit 77 Prozent Erfolg klar überlegen gegenüber der Kortikoid-Gruppe (59 Prozent) und gegenüber dem Abwarten (29 Prozent). Nach 52 Wochen blieb die Übungsgruppe mit 79 Prozent vorn, während sich die Kortikoid-Gruppe (58 Prozent) nicht mehr signifikant vom Abwarten (52 Prozent) unterschied. Aus dieser Evidenz folgt die Erstlinienempfehlung.
Zwei Dinge sind an diesen Zahlen bemerkenswert, und beide sind hilfreich. Erstens: Die Abwarte-Gruppe holt deutlich auf, von 29 auf 52 Prozent. Rund die Hälfte der Betroffenen wird also auch ohne Behandlung binnen eines Jahres besser. Der Vorteil des Übungsprogramms ist real, aber er ist nach einem Jahr kleiner als nach acht Wochen. Zweitens, und das ist der eigentliche Punkt: Das Übungsprogramm bringt Sie schneller ans Ziel, und der Vorsprung der Spritze ist nach einem Jahr aufgebraucht. Das heißt nicht, dass die Spritze nichts bewirkt. Auch in dieser Gruppe ging es nach einem Jahr knapp 60 von 100 Betroffenen deutlich besser. Kurzfristig verschafft sie sogar deutlich schneller Erleichterung als das Abwarten. Dieser Vorsprung ist nach einem Jahr aber aufgebraucht, während der des Übungsprogramms bleibt.
Edukation zur Mechanik ist die Voraussetzung. Adduktionsbelastung erhöht die Kompression auf die gereizten Sehnen. Konkret heißt das:
- nicht auf der betroffenen Seite liegen; in Rückenlage oder auf der gesunden Seite mit einem Kissen zwischen den Knien
- nicht mit übereinandergeschlagenen Beinen sitzen, im Schneidersitz oder in tiefem Hocken verharren
- beim Stehen das Gewicht nicht stark auf eine Hüfte verlagern
- klassische Tractus- und Piriformis-Dehnungen initial vermeiden oder dosieren, weil sie genau die Kompressionsposition reproduzieren
Diese Anpassungen sind für viele Betroffene der entscheidende Hebel zur Schmerzreduktion und werden in der Sprechstunde häufig unterschätzt.
Progressives Übungsprogramm zur Stärkung der seitlichen Hüftmuskulatur, begleitet von Rumpf- und Beckenkontrolle. Wie es aufgebaut ist, steht weiter unten im Abschnitt zum Training. Mehr Hintergrund unter Bewegung .
Stoßwellentherapie ist bei der glutealen Tendinopathie besser untersucht als an anderen Sehnen, das Ergebnis ist aber bescheidener, als älter zitierte Zahlen vermuten lassen. Eine Auswertung von acht Studien fand nach zwei bis vier Monaten weniger Schmerz, der Funktionsgewinn nach sechs Monaten lag jedoch unter der Schwelle, ab der Betroffene einen Unterschied überhaupt bemerken; sieben der acht Studien hatten methodische Schwächen. Eine zweite Auswertung mit ähnlicher Datenbasis fand gar keinen Unterschied. Der früher hier genannte Vorteil gegenüber der Kortikoid-Spritze sagt außerdem wenig, weil die Spritze langfristig selbst schadet. Als Ergänzung bei unzureichendem Ansprechen erwägbar, mit begrenzter Erwartung.
Kortikoid-Spritzen sind kurzfristig wirksam, aber im Langzeitvergleich dem Übungsprogramm klar unterlegen und nach einem Jahr nicht mehr besser als Abwarten. Eine einmalige Injektion zur kurzfristigen Symptomkontrolle ist in besonders reizoffenen Phasen erwägbar, dann mit ausdrücklicher Aufklärung über das ungünstige Langzeitprofil. Wiederholte Injektionen sind zu vermeiden.
Operative Verfahren (offene oder endoskopische Refixation gerissener Sehnenanteile) bleiben Verläufen vorbehalten, die nach mindestens sechs Monaten konservativer Therapie nicht ausreichend gebessert haben oder bei denen eine strukturelle Sehnenpartialruptur dokumentiert ist.
Training bei glutealer Tendinopathie
Gemeint sind der mittlere und der kleine Gesäßmuskel, die das Becken beim Stehen und Gehen waagerecht halten. Ihre Sehnen setzen am seitlichen Knochenvorsprung des Oberschenkels an, genau dort, wo es wehtut. Mittrainiert wird die Rumpfmuskulatur, weil sie die seitlichen Gesäßmuskeln beim Stabilisieren des Beckens unterstützt. Eine Regel steuert das gesamte Programm: Keine Übung führt das betroffene Bein über die Mittellinie zum anderen Bein hin. In dieser Stellung wird die Sehne gegen den Knochen gepresst, und der Druck steigt dabei steil an. Die Haltungsregeln weiter oben gelten dabei ab dem ersten Tag und laufen neben den Übungen weiter.
Der Aufbau folgt vier Stufen, und für den Einstieg genügt der Boden neben einer Wand. Ist die Sehne stark gereizt, wird zunächst nur gehalten: in Rückenlage die Außenseite des betroffenen Beins gegen eine Wand drücken, etwa dreißig bis fünfundvierzig Sekunden. Im Sitzen geht dasselbe, indem Sie die Hände außen an die Oberschenkel legen und die Beine nach außen gegen den eigenen Widerstand drücken. Wird das gut vertragen, folgt der Kraftaufbau. Dazu gehören die Beckenbrücke in Rückenlage und eine Übung im Einbeinstand auf einer Stufe: Sie stehen auf dem betroffenen Bein und heben die freie Beckenseite aus der Waagerechten an, ohne sie darunter absinken zu lassen. Dazu kommt das Öffnen des oberen Knies in Seitenlage, wobei Sie auf der nicht betroffenen Seite liegen und das Knie nicht unter die Waagerechte zurücksinken lassen. Später folgen seitliche Schritte in halber Kniebeuge, die einbeinige Brücke und das seitliche Aufsteigen auf eine Stufe. Alles langsam, etwa drei Sekunden hinauf und drei Sekunden hinunter. In der letzten Stufe geht es um deutliche Last, etwa den Ausfallschritt mit erhöhtem hinteren Fuß und Zusatzgewicht. Reines Eigengewicht reicht hier häufig nicht mehr aus, und das ist keine Stilfrage: Für die Anpassung der Sehne scheint die Höhe der Last wichtiger zu sein als der Umfang. Federnde Belastungen wie Sprünge sind kein Pflichtziel, sondern nur bei entsprechendem sportlichen Anspruch sinnvoll.
Als Verlaufsmaß eignet sich, was die Beschwerden ohnehin bestimmt. Können Sie wieder auf der betroffenen Seite liegen, und wie oft wachen Sie nachts davon auf? Wie lange halten Sie den Einbeinstand, und kippt das Becken dabei zur Gegenseite? Der Nachtschmerz reagiert bei vielen Betroffenen zuerst, oft schon auf die Haltungsanpassungen allein und damit früher als auf das Krafttraining.
Zur Dosierung genügen wenige Punkte. Drei Einheiten pro Woche mit mindestens einem Tag Abstand, langsam ausgeführt. Die Faustregel lautet: Schmerz während der Übung ist erlaubt, solange er moderat bleibt und die Hüfte am Folgetag wieder auf Ihrem gewohnten Niveau liegt. Ein leichter Anstieg der Beschwerden in den ersten ein bis zwei Wochen ist erwartbar und ein häufiger Grund, zu früh aufzuhören. Bis sich beurteilen lässt, ob das Programm greift, vergehen acht bis zwölf Wochen, nicht zwei bis drei. Bleibt die Besserung aus, lohnt vor jeder Eskalation der Blick auf die Umsetzung. Haben Sie regelmäßig geübt und die Last je gesteigert? Und haben sich die Haltungen, die das Bein zur Körpermitte führen, im Alltag wirklich geändert? Das hier Beschriebene ist ein Beispiel dafür, wie ein Übungsprogramm aussehen kann, und kein persönlicher Trainingsplan. Welche Übungen für Sie passen, klären Sie mit Ihrer Physiotherapeutin oder Ihrem Physiotherapeuten. Die allgemeine Dosierungslogik steht im Trainingseinstieg , die Einordnung von Belastung als Therapie unter Bewegung .
Wann ärztlich abklären
- bei zusätzlichem Leistenschmerz, Bewegungseinschränkung in Innenrotation und Anlaufschmerz im Hüftgelenk (möglich: Hüftarthrose oder andere intraartikuläre Pathologie)
- bei Ausstrahlung der Schmerzen über das Knie hinaus, Kribbeln oder Taubheitsgefühlen im Bein, Schwäche bestimmter Beinbewegungen (möglich: lumbale Radikulopathie)
- bei plötzlichem akuten Funktionsverlust beim Heben des Beins zur Seite nach Krafteinwirkung (möglich: Gluteus-medius-Riss)
- bei ausbleibender Besserung trotz konsequenter Edukation und Belastungstherapie über mehrere Monate
Zusammenfassung
Die gluteale Tendinopathie ist die häufigste Ursache des Trochanter-Major-Syndroms und betrifft besonders Frauen ab dem 40. Lebensjahr. Sie ist eine Kompressionstendinopathie: Adduktion erhöht den Druck auf die gereizten Sehnen, weshalb die Edukation zur Schlaf-, Sitz- und Stehhaltung den entscheidenden Hebel darstellt. Die Erstlinie aus Edukation plus progressivem Übungsprogramm ist Kortikoid-Spritzen und einfachem Abwarten in Langzeitvergleichen deutlich überlegen. Die Stoßwelle ist hier besser untersucht als an anderen Sehnen, der Zusatznutzen fällt aber bescheiden aus; sie bleibt eine Option mit begrenzter Erwartung. Die historische Bezeichnung „Bursitis trochanterica" trifft bei den meisten Betroffenen nicht zu.
Weiterführende Quellen
Systematische Übersichten und Schlüsselstudien
- Edukation und Übung gegen Kortikoid und Abwarten bei glutealer Tendinopathie (Mellor et al. 2018) : die LEAP-Studie als belastbarste Einzelevidenz im Feld der Tendinopathien, mit klarem Langzeitvorteil für die Erstlinie aus Edukation und Übung.
- Gluteale Tendinopathie und Pathomechanik (Grimaldi und Fearon 2015) : pathomechanische Übersicht zur Kompressionsbelastung und ihren therapeutischen Konsequenzen.
- Greater Trochanteric Pain Syndrome (Pianka et al. 2021) : Übersicht zur Häufigkeit der Tendinopathie gegenüber der echten Bursitis und zur klinischen Einordnung.
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