Wenn der Ellenbogen beim Greifen schmerzt

Ein lokal umschriebener Schmerz am äußeren Ellenbogen, der bei jedem festen Griff aufflammt, beim Heben einer vollen Kaffeekanne oder beim Ausschütteln der Hand: das ist das typische Bild des Tennisellenbogens. Die spiegelbildliche Variante am inneren Ellenbogen ist der Golferellenbogen. Beide Bilder fasst man medizinisch unter dem Begriff Epikondylopathie zusammen.

Was es eigentlich ist

Am Ellenbogen sitzen zwei knöcherne Höcker, der äußere Epikondylus radialis und der innere Epikondylus ulnaris. An ihnen entspringen die Strecksehnen (außen) beziehungsweise die Beugesehnen (innen) der Unterarmmuskulatur. Bei der Epikondylopathie sind diese Sehnenansätze gereizt, mit kleinen Einrissen und einem fehlgesteuerten Heilungsverlauf in der Sehne, nicht primär in einer Entzündung.

Der Tennisellenbogen (laterale Epikondylopathie) betrifft den äußeren Ellenbogen und ist die deutlich häufigere Form. Den Namen verdankt er der Rückhand-Belastung beim Tennis, ist in der Versorgungsrealität aber meistens kein Tennisproblem, sondern eine Folge wiederholter Greif- und Drehbewegungen am Arbeitsplatz.

Der Golferellenbogen (mediale Epikondylopathie) betrifft den inneren Ellenbogen und ist seltener. Klinisch wichtig ist hier die enge Nachbarschaft zum Nervus ulnaris, der hinter dem inneren Ellenbogenhöcker durch eine knöcherne Rinne zieht. Bei medialer Epikondylopathie sollte gleichzeitig nach Reizungen dieses Nervs gesucht werden (Kribbeln im kleinen und Ringfinger).

Wer betroffen ist und was begünstigt

Die laterale Epikondylopathie betrifft im Verlauf des Lebens 1 bis 3 Prozent der Bevölkerung, die mediale Form etwa 1 Prozent. Beide Bilder treten am häufigsten zwischen dem 35. und 55. Lebensjahr auf, Männer und Frauen ähnlich häufig.

Die namensgebenden Sportarten sind nur für eine Minderheit ursächlich. Weit überwiegend handelt es sich um arbeitsassoziierte Belastung: Handwerker, Monteure, Maler, Friseure, Pflege- und Verwaltungsberufe mit repetitiven Greif- und Drehbewegungen sind besonders betroffen. Auch lange Bildschirmarbeit mit einer ungünstigen Mauspositionierung kann auslösend sein.

Eine wichtige Botschaft für den Verlauf: Die laterale Epikondylopathie ist in 80 bis 90 Prozent der Fälle selbstlimitierend und heilt unbehandelt innerhalb von 12 bis 24 Monaten aus. Diese Zeitskala zu kennen hilft, eine zurückhaltende Strategie nicht zu früh als „nicht wirksam" abzubrechen und vor allem nicht zu invasiven Verfahren zu greifen, die das Langzeitergebnis verschlechtern können.

Wie sich’s zeigt

Leitsymptom ist ein belastungsabhängiger, lokal begrenzter Schmerz über dem betroffenen Ellenbogenhöcker mit Druckschmerz direkt auf der Sehnenursprungsstelle. Typisch ist eine Schmerzverstärkung gegen Widerstand: beim Tennisellenbogen das Strecken des Handgelenks und der Finger gegen Druck, beim Golferellenbogen das Beugen und Pronieren. Charakteristisch ist auch der Schmerz beim festen Griff mit pronierter Hand, etwa beim Heben einer vollen Kaffeekanne am Stiel.

Die Diagnose ist klinisch. Ultraschall und MRT sind in den meisten Fällen nicht zwingend nötig und ändern die Erstlinientherapie selten. Sie werden gezielt eingesetzt bei unklaren Befunden, bei Verdacht auf Begleitpathologien (Nervus-radialis-Reizung am äußeren Unterarm, Nervus-ulnaris-Pathologie innen, Arthrose des Radiohumeralgelenks) und vor einer geplanten Operation.

Was die Behandlung trägt

Tragend sind Edukation, Belastungsanpassung und ein progressives Krafttraining für die Unterarmmuskulatur über Wochen bis Monate. Das wirkt unspektakulärer als eine Spritze, ist aber dem Langzeitvergleich nach das überlegene Vorgehen.

Krafttraining mit dosierter Last ist die wirksamste konservative Maßnahme. Etablierte Programme arbeiten mit exzentrisch betonten Übungen, häufig mit einem flexiblen Gummi-Stab (Tyler-Twist mit dem FlexBar), oder mit isometrischen und schweren, langsamen Übungen. Die Programmwahl ist sekundär; entscheidend ist die ausreichende, kontrollierte Last und ein moderates, tolerierbares Schmerzempfinden, das innerhalb von 24 Stunden abklingt. Diese Programme gehören in physiotherapeutische Begleitung. Mehr Hintergrund unter Bewegung .

Belastungsanpassung am Arbeitsplatz und im Alltag ist gleichrangig. Repetitive Greif- und Drehbelastungen werden temporär reduziert, Werkzeuge und Mauspositionierung überprüft, Pausen häufiger und kürzer eingelegt. Komplette Schonung ist nicht das Ziel, gezielte Modifikation der Spitzenlasten schon.

Counterforce-Bandagen (die bekannten Ellenbogen-Spangen) können kurzfristig schmerzentlastend wirken, indem sie die Zugbelastung am Sehnenursprung etwas verteilen. Sie ersetzen aber keine Belastungstherapie und haben keinen heilenden Effekt.

Topische NSAR (Diclofenac- oder Ibuprofen-Gel) sind bei schmerzhaften Phasen kurzfristig vertretbar. Systemische Schmerzmittel sind allenfalls bei besonders ausgeprägten Beschwerden indiziert, krankheitsmodifizieren nicht und sollten nicht über Wochen eingenommen werden.

Kortikoid-Spritzen am Sehnenansatz sind kritisch zu sehen. Sie lindern den Schmerz kurzfristig sehr deutlich, verschlechtern aber das Ergebnis nach 6 bis 12 Monaten gegenüber abwartender Behandlung oder Physiotherapie. Wiederholte Injektionen verschlechtern das Langzeitergebnis dramatisch. Eine einzelne Spritze kann selektiv zur kurzfristigen Überbrückung erwogen werden, dann mit ausdrücklicher Aufklärung über das ungünstige Langzeitprofil und ohne Wiederholung. Sie ist keine Erstlinientherapie.

Stoßwellentherapie hat ausgerechnet bei der lateralen Epikondylopathie eine schwache Datenlage. Zwei große deutsche Multicenter-Studien konnten keinen relevanten Effekt nachweisen. Sie ist daher hier kein Standardverfahren und wird von der gesetzlichen Krankenkasse für diese Indikation nicht regelhaft erstattet.

Plättchenreiches Plasma (PRP) zeigt in Vergleichsstudien gegenüber Kortikoid-Spritzen einen Langzeitvorteil, ist aber nicht als Erstlinie etabliert. Es bleibt eine selektive Selbstzahlerleistung bei protrahierten Verläufen. Botulinumtoxin lindert kurzfristig den Schmerz, erkauft das aber mit einer vorübergehenden Schwäche der Fingerstreckung bei rund einem Drittel der Behandelten und ist daher kein Routineverfahren.

Operative Verfahren bleiben Verläufen vorbehalten, die nach mindestens 6 bis 12 Monaten konsequenter konservativer Therapie nicht ausreichend gebessert haben. Eine placebokontrollierte Studie hat gezeigt, dass die operative Exzision tendinopathischen Gewebes am Ellenbogen einer Schein-Operation nicht überlegen ist, was die zurückhaltende Indikationsstellung weiter stützt.

Wann ärztlich abklären

  • bei begleitenden Kribbel- oder Taubheitsgefühlen im kleinen und Ringfinger (mediale Form, möglicher Hinweis auf Nervus-ulnaris-Reizung im Sulcus)
  • bei begleitendem brennenden Schmerz oder Kraftverlust am Daumen und an den Fingerstreckern (laterale Form, möglicher Hinweis auf Nervus-radialis-Syndrom)
  • bei einem plötzlichen, stark einschießenden Schmerz nach Krafteinwirkung mit anschließendem Kraftverlust (Verdacht auf Bizepssehnen- oder Strecksehnenriss)
  • bei ausbleibender Besserung trotz konsequenter Belastungs- und Übungstherapie über sechs Monate

Zusammenfassung

Tennisellenbogen und Golferellenbogen sind Tendinopathien der Unterarmstreck- beziehungsweise -beugesehnen am Ellenbogen. In 80 bis 90 Prozent verläuft die Erkrankung selbstlimitierend über 12 bis 24 Monate. Tragend sind Edukation, Belastungsanpassung und ein progressives Krafttraining; exzentrische, isometrische und schwere, langsame Programme sind klinisch gleichwertig. Kortikoid-Spritzen lindern kurzfristig, schaden aber langfristig und sind keine Erstlinie. Stoßwelle ist bei der lateralen Form schwach belegt. Operative Verfahren bleiben Spätoption.

Weiterführende Quellen

Deutschsprachige Leitlinien

Systematische Übersichten und Schlüsselstudien

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Hinweis: Diese Seite dient der medizinischen Orientierung und ersetzt keine individuelle ärztliche oder physiotherapeutische Beratung.