Wenn die Sehnen-Lokalisation nicht zu den fünf großen passt

Neben den Lokalisationen mit eigenen Seiten (Plantarfasziitis, Achillodynie, Tennisellenbogen, Springerknie, seitlicher Hüftbereich, Schulter) gibt es Tendinopathien anderer Sehnen, die seltener oder klinisch enger gefasst sind. Sie folgen denselben Behandlungsprinzipien wie auf der Übersichtsseite beschrieben, haben aber jeweils eigene Besonderheiten in Mechanik, Differenzialdiagnose und Therapie. Dieser Beitrag bündelt sie als kurzen Wegweiser.

Schulter: eigene Seite

Die Tendinopathie der Rotatorenmanschette ist der häufigste Anteil des Schulterschmerz-Spektrums und hat inzwischen eine eigene Patientenseite, weil sie sich in Diagnostik und Evidenzlage deutlich von den übrigen Lokalisationen unterscheidet: Schulterschmerz und Rotatorenmanschette (Impingement) , mit der Kalkschulter als Sonderfall.

Ellenbogen: distale Bizepssehne und Trizepssehne

Die Tendinopathie der distalen Bizepssehne sitzt vor der Ellenbeuge, betrifft typischerweise Männer im mittleren Lebensalter und macht sich bei Belastungen in Beugung und Auswärtsdrehung des Unterarms gegen Widerstand bemerkbar (zum Beispiel beim Aufschrauben einer Flasche). Die wichtigste Differenzialdiagnose ist der distale Bizepssehnen-Riss, der bei funktionserhaltendem Anspruch in der Regel operativ versorgt werden sollte. Die reine Tendinopathie wird konservativ mit Belastungsmodifikation und progressivem Krafttraining behandelt.

Die Trizepssehnen-Tendinopathie sitzt hinten am Ellenbogen am Ansatz an der Elle, betrifft vor allem Wurf- und Kraftsportler und zeigt Druckschmerz und Schmerz bei kraftvoller Streckung gegen Widerstand. Ein Trizepssehnen-Riss ist die zentrale Differenzialdiagnose.

Knie: Iliotibialband-Syndrom (Läuferknie)

Das Iliotibialband-Syndrom („Läuferknie") ist streng genommen keine Tendinopathie, sondern eine Reibungs- oder Kompressionspathologie des Tractus iliotibialis am äußeren Kniegelenk. Es betrifft typischerweise Läufer und Radfahrer und zeigt einen umschriebenen Schmerz an der Außenseite des Knies bei einem Knie-Beugewinkel von etwa 30 Grad. Es wird hier mitgenannt, weil Patienten es häufig im Zusammenhang mit Knie-Tendinopathien suchen.

Tragend sind eine Anpassung der Lauftechnik und des Trainingsumfangs, eine Kräftigung der seitlichen Hüftmuskulatur (Hüftabduktoren) und gegebenenfalls Schuhwerk- und Belagsanpassung. Dehnung des Tractus iliotibialis allein bringt nach aktueller Datenlage wenig.

Hüfte und Oberschenkel: Adduktoren und proximale Hamstring

Die Adduktoren-Tendinopathie betrifft den Ansatz der Innenschenkel-Muskulatur am Schambein und ist eine typische Erkrankung in Mannschaftssportarten mit ausgeprägten Cutting-Bewegungen (Fußball, Eishockey). Klinisch wegweisend sind ein Druckschmerz am Ansatz und Schmerz bei Adduktion gegen Widerstand. Häufig läuft sie als „Sportlerleiste" mit pubaler Beteiligung. Erstlinie ist ein progressives Adduktoren-Kräftigungsprogramm. Zu dessen Studienlage gehört eine Unterscheidung, die oft untergeht: Die bekannte Kopenhagener Adduktoren-Übung ist vor allem als Vorbeugung untersucht. In einer großen norwegischen Fußballstudie an über 600 zu Beginn beschwerdefreien Spielern sank der Anteil mit Leistenbeschwerden von rund 21 auf rund 14 von 100. Eine Einschränkung gehört dazu: Dieser Rückgang betrifft alle gemeldeten Beschwerden. Bei den erheblichen Beschwerden, also denen, die Training oder Leistung deutlich einschränken, war der Unterschied nicht mehr statistisch abgesichert. Das Programm verhindert also eher leichte Beschwerden als solche, die einen wirklich ausfallen lassen. Für die Behandlung bereits bestehender Beschwerden stützt sich die Empfehlung auf eine ältere Untersuchung mit einem anderen Übungsprogramm. Kräftigen bleibt also richtig; der Vorbeugungsbeleg lässt sich aber nicht einfach auf die Behandlung übertragen, und wer schon Beschwerden hat, sollte das Programm mit der Physiotherapie abstimmen statt es aus einem Präventionsvideo zu übernehmen.

Die proximale Hamstring-Tendinopathie sitzt am Sitzbeinhöcker, am Ursprung der hinteren Oberschenkelmuskulatur. Sie zeigt einen tiefen Sitzschmerz, der nach längerem Sitzen, beim Laufen mit ausgreifenden Schritten und bei tiefen Hüftbeugepositionen zunimmt. Wie die gluteale Tendinopathie ist sie eine Kompressionstendinopathie: tiefes Beugen und Sitzen erhöhen die Kompression gegen den Knochen. Die Therapie folgt dieser Logik: tiefe Hüftbeugung und kompressionsbetontes Dehnen initial vermeiden, Belastungstherapie mit Schwerpunkt auf Hamstring-Belastung in geringer bis mittlerer Hüftbeugung. Eine proximale Hamstring-Avulsion ist die zentrale Differenzialdiagnose; bei sportlich aktiven Patienten ist sie operativ zu versorgen.

Sprunggelenk und Fuß: Tibialis posterior und Peronealsehnen

Die Tibialis-posterior-Tendinopathie ist klinisch besonders wichtig, weil sie unbehandelt in eine progrediente Plattfuß-Fehlstellung (erworbener Plattfuß) übergehen kann. Klinisch typisch sind ein Anlauf- und Belastungsschmerz medial knöchel- und fußrückennah, eine Schwäche bei Einwärtsdrehung gegen Widerstand und eine Unfähigkeit, sich einbeinig auf die Zehenspitzen zu heben, mit ausbleibender Innenkippung der Ferse. Die frühe Erkennung und das Tragen einer mediale-Längsgewölbe-stützenden Einlage haben prognostisch erhebliche Bedeutung. In fortgeschrittenen Stadien sind operative Rekonstruktionen notwendig.

Die Peronealsehnen-Tendinopathie betrifft den lateralen Knöchel und ist häufig posttraumatisch nach Umknicktraumen mit chronischer Bandinstabilität. Klinisch typisch sind Druckschmerz hinter dem äußeren Knöchel und Schmerz bei Auswärtsdrehung gegen Widerstand. Die Behandlung adressiert auch die zugrunde liegende Instabilität.

Was für alle gilt

Über alle Lokalisationen hinweg gelten dieselben Prinzipien: Belastungsmodifikation, dosiertes progressives Krafttraining, ausreichende Zeit (drei bis sechs Monate als realistische Zeitskala), zurückhaltender Einsatz von Kortikoid-Spritzen, operative Verfahren als Spätoption. Mehr Hintergrund unter Tendinopathien (Übersicht) und Bewegung .

Wie gut belegt diese Prinzipien sind, unterscheidet sich allerdings erheblich. Die Studien stammen fast ausschließlich von der Gluteal-, der Achilles- und der Patellasehne. Am stärksten ist die Datenlage an der Gluteal-Sehne der Hüfte, mittelstark an der mittleren Achillessehne, schwach am Ellenbogen und an der Rotatorenmanschette. Auf Sehnen wie Tibialis posterior, Peroneal- oder Trizepssehne werden die Prinzipien plausibel übertragen, aber sie sind dort nicht durch eigene Studien belegt. Das ist kein Grund, es nicht zu tun. Es ist ein Grund, keine Wunder zu erwarten und Ihrem Behandler kritische Fragen zu stellen.

Was ebenfalls nicht eins zu eins übertragbar ist, sind die konkreten Dosierungsangaben aus den großen Studien sowie die regionale Erstattung der Stoßwellentherapie (in Deutschland regelhaft nur bei Plantarfasziitis erstattet, bei der kalzifizierenden Schultertendinopathie häufig anerkannt, sonst Einzelfallentscheidung). Quadricepssehne, proximale Hamstring und distale Bizepssehne haben außerdem ein höheres Risiko eines Sehnenrisses nach Kortikoid-Spritze als die Achillessehne und sollten besonders zurückhaltend mit Injektionen behandelt werden.

Wie das Training an einer selteneren Sehne aussieht

Auch ohne eigene Studien lässt sich das Vorgehen übertragen. Ausgangspunkt ist die Frage, welcher Muskel an der schmerzenden Sehne zieht und welche Bewegung er ausführt. Genau diese Bewegung wird geübt, gegen Widerstand und langsam. Bei der Tibialis-posterior-Sehne ist es das Einwärtsdrehen des Fußes und das Anheben der Ferse, bei den Peronealsehnen das Auswärtsdrehen gegen ein Band. Bei der proximalen Sehne der Oberschenkelrückseite ist es das Strecken der Hüfte mit gestreckterem Knie, aus geringer Hüftbeugung heraus. Bei der distalen Bizepssehne ist es das Beugen des Ellenbogens mit auswärts gedrehtem Unterarm, also mit der Handfläche nach oben. Dazu kommt die Muskulatur der benachbarten Gelenke, weil sie mitbestimmt, wie viel Last überhaupt an der betroffenen Sehne ankommt.

Die Reihenfolge ist überall dieselbe. Bei gereizter Sehne steht zuerst die gehaltene Anspannung ohne Bewegung, dann als tragender Teil die langsame Belastung gegen deutlichen Widerstand, zuletzt und nur bei entsprechendem Ziel die federnden Bewegungen. Ob Sie dabei das Absenken betonen oder Heben und Senken kombinieren, ist zweitrangig. Für die Steuerung gilt die Faustregel wie an den großen Sehnen: Beschwerden während der Übung sind in Ordnung, solange sie moderat bleiben und am Folgetag wieder auf Ihrem gewohnten Niveau liegen. Zwei bis drei Einheiten pro Woche sind eine brauchbare Orientierung. Als Verlaufsmaß nehmen Sie die Alltagsbewegung, die aktuell am zuverlässigsten wehtut, etwa das Sitzen auf harter Unterlage bei Beschwerden am Sitzbein oder das Abrollen über den Innenfuß bei der Tibialis-posterior-Sehne.

Eine Besonderheit betrifft Sehnen, die eng am Knochen anliegen. Hinter dem Innen- und Außenknöchel laufen sie um eine knöcherne Kante, am Sitzbein und am seitlichen Hüftknochen werden sie an ihrem Ansatz gegen den Knochen gepresst. Dort wirkt zusätzlich zur Zugbelastung ein Druck auf die Sehne. Stellungen, in denen dieser Druck zunimmt, verschlimmern die Beschwerden häufig, statt sie zu lindern. Praktisch heißt das: Am Sitzbein wird die tiefe Hüftbeugung zunächst begrenzt. An der Tibialis-posterior-Sehne wird der Fuß nicht endgradig hochgezogen und dabei nach außen gekippt, an den Peronealsehnen nicht hochgezogen und nach innen gekippt. Endgradiges Dehnen in genau diesen Stellungen gehört nicht an den Anfang. Das hier Beschriebene ist ein Beispiel dafür, wie ein Übungsprogramm aussehen kann, und kein persönlicher Trainingsplan. Welche Übungen für Sie passen, klären Sie mit Ihrer Physiotherapeutin oder Ihrem Physiotherapeuten. Die allgemeine Dosierungslogik steht im Trainingseinstieg , die Einordnung von Belastung als Therapie unter Bewegung .

Wann ärztlich abklären

  • bei plötzlichem starken Schmerz und Funktionsverlust mit tastbarer Delle (Verdacht auf Sehnenriss, lokalisationsabhängig dringlich)
  • bei einem in den letzten Monaten eingenommenen Fluorchinolon-Antibiotikum (Ciprofloxacin, Levofloxacin, Moxifloxacin) und neuen Sehnenbeschwerden
  • bei Schmerzen an mehreren Sehnenansätzen gleichzeitig (möglicher Hinweis auf eine entzündlich-rheumatische Erkrankung)
  • bei einem progredienten Einsinken des medialen Längsgewölbes mit zunehmender Plattfußstellung (möglich: Tibialis-posterior-Insuffizienz)
  • bei ausbleibender Besserung trotz konsequenter Belastungs- und Übungstherapie über mehrere Monate

Zusammenfassung

Diese Sammelseite umfasst weitere Sehnen-Lokalisationen, die selten genug sind, um keine eigene Patientenseite zu rechtfertigen, klinisch aber relevant sind. Die Behandlung folgt den allgemeinen Tendinopathie-Prinzipien mit lokalisationsspezifischen Modifikationen. Besonders wichtig sind die früh ansetzende Einlagenversorgung bei der Tibialis-posterior-Tendinopathie, die zurückhaltende Bewertung von Kortikoid-Spritzen bei Sehnen mit hohem Rupturrisiko und die rheumatologische Abklärung bei multiplen Enthesenproblemen.

Weiterführende Quellen

Systematische Übersichten und Schlüsselstudien

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Hinweis: Diese Seite dient der medizinischen Orientierung und ersetzt keine individuelle ärztliche oder physiotherapeutische Beratung, Diagnostik oder Behandlung.