Wenn die Sehnen-Lokalisation nicht zu den fünf großen passt
Neben den fünf häufigsten Lokalisationen mit eigenen Seiten (Plantarfasziitis, Achillodynie, Tennisellenbogen, Springerknie, seitlicher Hüftbereich) gibt es Tendinopathien anderer Sehnen, die seltener oder klinisch enger gefasst sind. Sie folgen denselben Behandlungsprinzipien wie auf der Übersichtsseite beschrieben, haben aber jeweils eigene Besonderheiten in Mechanik, Differenzialdiagnose und Therapie. Dieser Beitrag bündelt sie als kurzen Wegweiser.
Schulter: Rotatorenmanschetten-Tendinopathie
Die Tendinopathie der Rotatorenmanschette ist der häufigste Anteil des „Schulterschmerz"-Spektrums beim Erwachsenen, hier aber wegen ihrer Komplexität und der Verflechtung mit anderen Schulter-Pathologien (Frozen Shoulder, AC-Gelenk, Kalkschulter) noch nicht mit einer eigenen Patientenseite vertreten. Typisch sind belastungsabhängige Schulterschmerzen bei Tätigkeiten über Schulterhöhe und nachts beim Liegen auf der betroffenen Seite. Die Diagnose ist klinisch; Bildbefunde korrelieren oft schwach mit dem Schmerz, asymptomatische Veränderungen sind ab dem 50. Lebensjahr häufig.
Tragend sind Edukation und ein über Wochen bis Monate gesteigertes Übungsprogramm mit Schwerpunkt auf der Schulterblattkontrolle, der Außenrotatoren- und der allgemeinen Schultermuskulatur. Eine zentrale Studie hat gezeigt, dass die arthroskopische Schulterdekompression (Acromionplastik) einer Schein-Operation nicht überlegen ist; das stützt den Stellenwert der konservativen Erstlinie. Bei der kalzifizierenden Variante (Kalkschulter) sind Stoßwellentherapie und ultraschallgesteuertes Needling zusätzliche Optionen. Eine eigene Patientenseite zu diesem Bild ist in Vorbereitung.
Ellenbogen: distale Bizepssehne und Trizepssehne
Die Tendinopathie der distalen Bizepssehne sitzt vor der Ellenbeuge, betrifft typischerweise Männer im mittleren Lebensalter und macht sich bei Belastungen in Beugung und Auswärtsdrehung des Unterarms gegen Widerstand bemerkbar (zum Beispiel beim Aufschrauben einer Flasche). Die wichtigste Differenzialdiagnose ist der distale Bizepssehnen-Riss, der bei funktionserhaltendem Anspruch in der Regel operativ versorgt werden sollte. Die reine Tendinopathie wird konservativ mit Belastungsmodifikation und progressivem Krafttraining behandelt.
Die Trizepssehnen-Tendinopathie sitzt hinten am Ellenbogen am Ansatz an der Elle, betrifft vor allem Wurf- und Kraftsportler und zeigt Druckschmerz und Schmerz bei kraftvoller Streckung gegen Widerstand. Ein Trizepssehnen-Riss ist die zentrale Differenzialdiagnose.
Knie: Iliotibialband-Syndrom (Läuferknie)
Das Iliotibialband-Syndrom („Läuferknie") ist streng genommen keine Tendinopathie, sondern eine Reibungs- oder Kompressionspathologie des Tractus iliotibialis am äußeren Kniegelenk. Es betrifft typischerweise Läufer und Radfahrer und zeigt einen umschriebenen Schmerz an der Außenseite des Knies bei einem Knie-Beugewinkel von etwa 30 Grad. Es wird hier mitgenannt, weil Patienten es häufig im Zusammenhang mit Knie-Tendinopathien suchen.
Tragend sind eine Anpassung der Lauftechnik und des Trainingsumfangs, eine Kräftigung der seitlichen Hüftmuskulatur (Hüftabduktoren) und gegebenenfalls Schuhwerk- und Belagsanpassung. Dehnung des Tractus iliotibialis allein bringt nach aktueller Datenlage wenig.
Hüfte und Oberschenkel: Adduktoren und proximale Hamstring
Die Adduktoren-Tendinopathie betrifft den Ansatz der Innenschenkel-Muskulatur am Schambein und ist eine typische Erkrankung in Mannschaftssportarten mit ausgeprägten Cutting-Bewegungen (Fußball, Eishockey). Klinisch wegweisend sind ein Druckschmerz am Ansatz und Schmerz bei Adduktion gegen Widerstand. Häufig läuft sie als „Sportlerleiste" mit pubaler Beteiligung. Erstlinie ist ein progressives Adduktoren-Kräftigungsprogramm, das mittlerweile auch zur Prävention etabliert ist (Kopenhagener Adduktor-Programm).
Die proximale Hamstring-Tendinopathie sitzt am Sitzbeinhöcker, am Ursprung der hinteren Oberschenkelmuskulatur. Sie zeigt einen tiefen Sitzschmerz, der nach längerem Sitzen, beim Laufen mit ausgreifenden Schritten und bei tiefen Hüftbeugepositionen zunimmt. Wie die gluteale Tendinopathie ist sie eine Kompressionstendinopathie: tiefes Beugen und Sitzen erhöhen die Kompression gegen den Knochen. Die Therapie folgt dieser Logik: tiefe Hüftbeugung und kompressionsbetontes Dehnen initial vermeiden, Belastungstherapie mit Schwerpunkt auf Hamstring-Belastung in geringer bis mittlerer Hüftbeugung. Eine proximale Hamstring-Avulsion ist die zentrale Differenzialdiagnose; bei sportlich aktiven Patienten ist sie operativ zu versorgen.
Sprunggelenk und Fuß: Tibialis posterior und Peronealsehnen
Die Tibialis-posterior-Tendinopathie ist klinisch besonders wichtig, weil sie unbehandelt in eine progrediente Plattfuß-Fehlstellung (erworbener Plattfuß) übergehen kann. Klinisch typisch sind ein Anlauf- und Belastungsschmerz medial knöchel- und fußrückennah, eine Schwäche bei Einwärtsdrehung gegen Widerstand und eine Unfähigkeit, sich einbeinig auf die Zehenspitzen zu heben, mit ausbleibender Innenkippung der Ferse. Die frühe Erkennung und das Tragen einer mediale-Längsgewölbe-stützenden Einlage haben prognostisch erhebliche Bedeutung. In fortgeschrittenen Stadien sind operative Rekonstruktionen notwendig.
Die Peronealsehnen-Tendinopathie betrifft den lateralen Knöchel und ist häufig posttraumatisch nach Umknicktraumen mit chronischer Bandinstabilität. Klinisch typisch sind Druckschmerz hinter dem äußeren Knöchel und Schmerz bei Auswärtsdrehung gegen Widerstand. Die Behandlung adressiert auch die zugrunde liegende Instabilität.
Was für alle gilt
Über alle Lokalisationen hinweg gelten die Prinzipien der allgemeinen Tendinopathie-Behandlung: Belastungsmodifikation, dosiertes progressives Krafttraining, ausreichende Zeit (drei bis sechs Monate als realistische Zeitskala), zurückhaltender Einsatz von Kortikoid-Spritzen, operative Verfahren als Spätoption. Mehr Hintergrund unter Tendinopathien (Übersicht) und Bewegung .
Was nicht eins zu eins von der Achilles- oder Patellasehne übertragbar ist, sind die konkreten Dosierungsangaben aus den großen Studien sowie die regionale Erstattung der Stoßwellentherapie (in Deutschland regelhaft nur bei Plantarfasziitis erstattet, bei der kalzifizierenden Schultertendinopathie häufig anerkannt, sonst Einzelfallentscheidung). Quadricepssehne, proximale Hamstring und distale Bizepssehne haben außerdem ein höheres Risiko eines Sehnenrisses nach Kortikoid-Spritze als die Achillessehne und sollten besonders zurückhaltend mit Injektionen behandelt werden.
Wann ärztlich abklären
- bei plötzlichem starken Schmerz und Funktionsverlust mit tastbarer Delle (Verdacht auf Sehnenriss, lokalisationsabhängig dringlich)
- bei einem in den letzten Monaten eingenommenen Fluorchinolon-Antibiotikum (Ciprofloxacin, Levofloxacin, Moxifloxacin) und neuen Sehnenbeschwerden
- bei Schmerzen an mehreren Sehnenansätzen gleichzeitig (möglicher Hinweis auf eine entzündlich-rheumatische Erkrankung)
- bei einem progredienten Einsinken des medialen Längsgewölbes mit zunehmender Plattfußstellung (möglich: Tibialis-posterior-Insuffizienz)
- bei ausbleibender Besserung trotz konsequenter Belastungs- und Übungstherapie über mehrere Monate
Zusammenfassung
Diese Sammelseite umfasst weitere Sehnen-Lokalisationen, die selten genug sind, um keine eigene Patientenseite zu rechtfertigen, klinisch aber relevant sind. Die Behandlung folgt den allgemeinen Tendinopathie-Prinzipien mit lokalisationsspezifischen Modifikationen. Besonders wichtig sind die früh ansetzende Einlagenversorgung bei der Tibialis-posterior-Tendinopathie, die zurückhaltende Bewertung von Kortikoid-Spritzen bei Sehnen mit hohem Rupturrisiko und die rheumatologische Abklärung bei multiplen Enthesenproblemen.
Weiterführende Quellen
Systematische Übersichten und Schlüsselstudien
- Tendinopathy (Millar et al. 2021) : übergreifende Übersicht zur Tendinopathie mit den allgemeinen Behandlungsprinzipien.
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